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    Alt 27.05.2013, 16:32   #1
    grayhound
     
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    Standard Wer nicht sieht, wird nicht gesehen...

    Wer nicht sieht, wird nicht gesehen?
    Was soll das nun bedeuten? Genau das was da steht.

    Ich bin 28 Jahre alt und habe eine Handicap - ich bin sehbehindert.
    Nichts neues sollte man meinen, denn viele Menschen in Deutschland und auch anderswo auf der Welt haben ein Handicap wie dieses oder leben mit anderen körperlichen oder geistigen Einschränkungen.

    Warum also dieser Beitrag? Weil ich ich eine neue Erfahrung gemacht habe, die ich gern teilen möchte und weil ich an anderen Meinungen interessiert bin.

    Ich bin also 28, jung und motiviert für das Arbeitsleben sollte man meinen. Das meinte ich auch. Ich war nach meiner Ausbildung zum Hotelfachmann fast 10 Jahre in der Hotel-Branche tätig, bis Oktober 2012.

    Aufgrund des Handicaps entschied mein damaliger Arbeitgeber, dass es an der Zeit sei, sich von mir zu trennen, da eine notwendige Flexibilität durch die Sehbehinderung nicht gegeben sei.

    In aller Ehrlichkeit gestehe ich ein, dass ich dem alten Job nicht nachweine, da er tatsächlich aufgrund des Handicaps kaum für mich geeignet ist auch wenn ich dies in der Vergangenheit recht gut ausgleichen konnte.

    Was also nun? Eine berufliche Neu-Orientierung steht an, da nach einigen unfruchtbaren Bewerbungsversuchen im alten Job kaum Chancen bestanden langfristig in Arbeit zu kommen.

    Und jetzt beginnt das Spiel: Siehst du nichts, seh ich dich nicht.

    Nach dem ersten „Gastauftritt“ bei der Agentur für Arbeit im Juli 2012 und der Ankündigung, dass der alte Job „in Gefahr“ wäre stellte ich auch bald mit Unterstützung der Agentur einen Antrag auf „Teilhabe am Arbeitsleben“. Den ersten persönlichen Termin hierzu hatte ich im Dezember 2012! Bis dahin, nichts außer Langeweile und chronischem Geldmangel, aber immerhin noch die Hoffnung auf sinnvolle und zeitnahe Unterstützung.

    Die Zeit verstrich, und der nächste Besuch fand im Februar und dann wieder im März 2013 statt. Es begann die Ernüchterung bei meinem zuständigen „Reha Berater“ der mir „Hilfe zur Selbsthilfe“ predigte und meinte, er könne mir ertsmal nicht helfen, denn ich müsste ja selber wissen wie es nun weiter geht oder besser wo es hingehen solle. Bitte? Wie denn? Woher denn? Ja und so begann es, das selbstständige Suchen nach einer „leidensgerechten“ Tätigkeit.

    Nachfolgend wurden meine Berufsvorschläge entweder gestrichen, falls Sie nicht passten oder aber auf eine „Liste“ gesetzt.

    Die eigenständige Suche nach einer leidensgerechten Tätigkeit erwies sich als unfassbar zäh, aufgrund mangelnden Fachwissens und zu geringem Einblick in die verschiedenen Berufsfelder trotz der Recherche im Netz und des persönlichen Kontakts zu „Branchen- -Experten.“

    Am Ende „einigten“ wir uns auf den Beruf des Logopäden, der nun doch nicht mehr in Frage kommt, aufgrund des Handicaps. Wieso dann vorher kein Einwand....? Ganz einfach, der Reha Berater hatte nicht alle notwendigen, medizinischen Unterlagen erhalten und wusste daher kaum etwas über mein Handicap! Unfassbar!

    Also alles wieder zurück auf Anfang? Fast! Denn nun ist es endlich möglich, eine Berufs-orientierende Maßnahme in einer speziellen Einrichtung durchzuführen, um eben die Eignung für leidensgerechte Berufe zu überprüfen.

    Wahnsinn, nach fast 8 Monaten fängt das Karussell an sich zu drehen und zwar so langsam, das man nebenher gehen könnte.

    Was will ich aber nun sagen? Das man, wenn man ein Handicap hat und Unterstützung benötigt, in welcher Form auch immer, diese selbst dann nicht immer selbstverständlich ist , wenn Sie einem zusteht.

    Ich fühle mich allein gelassen und „übersehen“ und das Schlimmste daran ist, auch wenn das hier vielleicht niemand verstehen kann, dass die Arbeitslosigkeit, das „Nichtstun“ sozusagen einem das rauben kann, was am Wichtigsten ist, nämlich die eigene Motivation.

    Es zerrt an den Nerven, kostet Energie. Es klingt merkwürdig, ich weiß, es ist aber so.

    Man verliert einfach die Hoffnung und die Zuversicht, gerade weil man nicht weiß, wie die eigene Zukunft nun aussieht und man das Warten auf „was auch immer“ einfach satt hat.

    Zum Verständnis vermelde ich zum Schluss noch mal, dass ich nicht das System an sich anprangere, sondern einfach nur meine Sicht der Dinge schildere.

    Zu allem Überfluss habe ich nach langer Zeit als Single endlich eine Frau kennengelernt, mit der es wirklich gut läuft. Das ist positiv? Ja! Aber das Schlimme daran ist, dass ich keine Ahnung habe, wann und wohin sich mein Lebensmittelpunkt nun verlagern wird aufgrund der beruflichen Situation. Das macht Ihr sehr große Sorgen und mir noch viel mehr. Denn wer braucht schon diese Unsicherheit zu Beginn einer frischen Beziehung?

    Wer es bis hier geschafft hat, dem sei gesagt: Velen Dank für deine Zeit.

    Gerne lese ich andere Meinungen und auch gerne den ein oder anderen Ratschlag.

    Vielen Dank und alles Gute.

    Geändert von grayhound (27.05.2013 um 16:45 Uhr)
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    Alt 28.05.2013, 10:34   #2
    schalkinchen04
     
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    Hallo grayhound...
    Deinen Beitrag kann ich sehr gut nachvollziehen. - Nicht aus eigenem Erleben, aber aus den Erfahrungen meiner Tochter.
    Sie wird im Herbst 34 Jahre alt und ist seit dem Schulabschluss (10. Klasse Hauptschule) arbeitslos. Sie hat im Gegensatz zu dir noch nichteinmal eine Ausbildung.
    Sie hat ein anderes Handicap als du, sie sieht zwar gut, kann aber nicht hören und demnach nur sehr schlecht sprechen (artikulieren). Ausserdem hat sie diverse andere "Wehwehchen", wie hochempfindliche und zu Allergien neigende Haut, eine Wirbelsäulenschädigung und noch ein paar Kleinigkeiten...

    Ihr geht es im Grunde kein Stück anders als dir, nur dass ihre Möglichkeiten aufgrund mangelnder Kommunikationsfähigkeiten noch eingeschränkter sind. - Wegen der Hautprobleme kommt noch nicht mal eine Putzstelle auf Dauer in Frage.

    Auch ihr Karussel dreht sich sehr langsam, steht eigentlich in der Hauptsache still, denn auch bei ihr weiß die ARGE nicht, was sie mit ihr anstellen sollen... - Immerhin hat sie in 16(!!) Jahren eine(!!) Stelle genannt bekommen von der ARGE, wo sie sich bewerben sollte. - Hat sie auch, wurde aber wegen der vielen Einschränkungen nicht genommen....

    Ich drücke dir die Daumen, dass du bald etwas findest!!
    __________________
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    Alt 28.05.2013, 12:09   #3
    grayhound
     
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    Standard @Schalkinchen

    Hallo,

    vielen Dank für deine Antwort und auch Euch alles Gute.

    Ich kann es kaum nachvollziehen, dass die dafür geschaffebnen Stellen nicht in vollem Unfang Ihre Aufgaben erfüllen, da diese ja auch bezahlt werden durch Steuergelder.

    Dass Eure Tochter noch gar keine Ausbildung hat ist natürlich sehr schade. Wurden denn hier spezielle Berfus Bildungs Werke vorgeschlagen von der Arge?

    Z. B. http://www.best-news.de/?bbws

    Alles gute nochmal.
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    Alt 28.05.2013, 19:33   #4
    KreuzAs
     
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    Gibts da bei euch keine Einrichtungen. Hier in OG gibts die Lebenshilfe. Da sind Menschen mit Handycap beschäftigt, die da z.T. sehr begehrte Jobs in der Zulieferindustrie erledigen, wie z.B. Verkabelungen oder einfachere Schlossertätigkeiten. Ich glaube, das wird sogar staatlich gefördert.
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    Alt 28.05.2013, 22:40   #5
    schalkinchen04
     
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    Zitat:
    Zitat von KreuzAs Beitrag anzeigen
    Gibts da bei euch keine Einrichtungen. Hier in OG gibts die Lebenshilfe. Da sind Menschen mit Handycap beschäftigt, die da z.T. sehr begehrte Jobs in der Zulieferindustrie erledigen, wie z.B. Verkabelungen oder einfachere Schlossertätigkeiten. Ich glaube, das wird sogar staatlich gefördert.
    Ja, die gibt's hier auch... - Meine Tochter war in zwei verschiedenen Einrichtungen. Die erste, da hat sie "hingeschmissen", denn sie war die einzige Gehörlose dort und die Betreuer (oder wie auch immer die genannt wurden) hatten so ihre Probleme mit der Gebärdensprache. Es gab viele Missverständnisse und wenn du auch in den Pausen immer nur allein herum sitzt oder stehst, hast du vermutlich auch keinen Bock, dort zu bleiben.

    In der zweiten Einrichtung - wie du schon sagstest: "Verkabelungen und einfache Schlosser-/Metall-Tätigkeiten" - da stellte sich weitere Allergien heraus. Auf diverse.... - Metalle und Legierungen...
    Wusste sie nicht, denn die Standard-Tests bei Hautärzten umfassen nicht sämtliche in Frage kommenden Allergene. Nickel und Kobalt ist Standard-Test (da reagiere ich bspw. auch allergisch drauf), Kupfer und sonstiges aber nicht...
    __________________
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    Alt 28.05.2013, 23:13   #6
    LittleThought
     
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    hallo Greyhound !
    Auf Grund deines Beitrags kann ich leider den Grad deiner Sehbehinderung nicht abschätzen. Wichtig wäre sicher ob du noch (vielleicht mit Hilfsmitteln) normale Schreibschrift lesen kannst.
    Als mögliche Arbeitsstelle ist mir nach dem Lesen deines Beitrags zunächst nur die Arbeit bei dem Telefonservice oder in der Telefonzentrale einer Firma eingefallen.
    Ein Kollege von mir hat mal als Student eine solche Stelle für das Lösen von Problemen mit den verkauften Computern einer Firma übernommen. Eine Ausbildung hat er dazu nicht gebraucht oder bekommen. Man hat ihm das Diagnosehandbuch in die Hand gedrückt und gesagt er soll schauen dass er zurechtkommt. Prinzipiell gibt es solche Aufgaben wohl auch für andere Bereiche.
    Du hast klar die Probleme dargestellt, die du auf Grund deines Handikaps hast. Teile auch mal deine Interessen und Fähigkeiten mit! Du stellst dar, dass dein erlernter Beruf für dich keine Attraktivität hatte. Ich könnte mir vorstellen, dass dies möglicherweise bei deiner damaligen Beurteilung eine noch größere Rolle gespielt hat als dein Handikap. Arbeit, die man nicht mag, macht man auch nicht gut.

    Gruß von LittleThought.

    P.S.: Staatliche Planung ist Ersatz des Zufalls durch den Irrtum.

    Geändert von LittleThought (28.05.2013 um 23:19 Uhr) Grund: P.S.
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    Alt 29.05.2013, 14:04   #7
    grayhound
     
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    Standard LittleThought

    Hallo,

    ja ich kann mit Hilfsmitteln normale Schrift lesen.

    Und ja es gibt gewisse Berufe, aber sein wir mal ehrlich, wenn man
    sich mit allem zufrieden geben würde, was aus einer gewissen Handicap-Schublade geholt wird, wäre das so richtig?

    Ich will damit keinen Beruf schlecht machen oder so, aber man hat an sich eben einen gewissen Anspruch. Das heißt nicht, dass man aufgrund des Handicaps keine Kompromisse machen muss, natürlich muss man!

    Aber ich werde ganz sicher kein Telefonist werden, damit ich einen Job habe! Ich hoffe du verstehst wie ich das meine.

    Und was den alten Job angeht, ja damit hast du sicher teilweise recht.
    Das war aber hier nicht der Grund für die Kündigung.

    Das sollte einfach nur ausdrücken, das genau dieser Job nicht die richtige Entscheidung für mich persönlich war.

    Gruß,

    Geändert von grayhound (29.05.2013 um 14:07 Uhr)
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