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Alt 20.11.2011, 18:24   #261
aggy5604
 
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Kindheitserinnerungen.... das neue Leben

Teil 42


Durch das nahende Unwetter waren alle bemüht, ohne große Pause und sich so schnell wie möglich auf ihre Räder zu schwingen. Nach einem anfänglichen Durcheinander kam schließlich Ordnung in den abfahrenden Pulk. Ilona fuhr neben mir und trat kräftig in die Pedalen und meinte: „Ich bin erst froh, wenn wir wieder zu Hause sind.... So eine Quälerei, an die habe ich noch nicht einmal im Traum gedacht!“ Nachdem ich sie gefragt hatte, an wen sie denn im Traum immer denkt, entgegnete sie spitz: „Dreimal darfst du raten!“ Sie kam etwas näher zu mir herangefahren, sodass ich einen Zusammenstoß befürchten musste und sagte etwas leiser: „Wenn wir erst wieder zu Hause sind, habe ich dich endlich für mich ganz allein... immer warst du heute wo anders, nur nicht bei mir!“ Oh je, ging mir es durch den Sinn, was kommt wohl jetzt auf mich zu. Im ersten Moment dachte ich, mich verhört zu . Ist sie wirklich so vergesslich?
Vielleicht waren auch die Anstrengungen daran Schuld. Ohne darauf einzugehen, trieb ich sie zur Eile und sagte: „Komm....komm, jetzt müssen wir erst einmal so schnell wie möglich zur Gaststätte, wenn wir nicht vom Blitz getroffen werden wollen!“ Das war natürlich übertrieben und sollte nur zur Ablenkung dienen.
Die Gaststätte war schnell erreicht. Wie sich herausstellte, waren Putzi und der Wirt der Gaststätte gute Bekannte. Deshalb durften wir auch ausnahmsweise im Vereinszimmer Platz nehmen. Als die Ersten von uns ankamen und im Hof ihre Fahrräder abgestellt hatten, wurden sie sofort ins Vereinszimmer dirigiert.
Ilona hatte ich mit ihrem Rucksack vorausgeschickt, sie sollte zwei ordentliche Plätze aussuchen, während ich unsere Räder abstellte und sie mit meinem Seilschloss sicherte. Die Luftpumpe verstaute ich sicherheitshalber im Rucksack.
Als ich ein paar Minuten später wie ein Packesel beladen die Gaststube betrat, blieb mir erst einmal kurz der Atem weg. Gierig schnappte ich nach Luft. Sie war wie zum Schneiden und geschwängert vom Tabak- und Zigarettenqualm. Das Zifferblatt der Uhr über dem Tresen war nur noch zu ahnen. Ilona hatte auf mich gelauert und winkte mir aus dem hinteren Teil des Vereinszimmers zu. Durch den Qualm hindurch war sie gerade noch zu erkennen.
Die Taschen und den Rucksack legte ich in einem Durchgang zu den anderen Handgepäck. Dabei fiel mir ein großer Apparat auf, vor dem jemand stand und eine Münze einwarf. Der obere Teil des komischen Gerätes wurde durch eine durchsichtige Plexiglashaube abgedeckt. Staunend verfolgte ich, wie ein schlanker Metallarm sich mehrfach verrenkte, aus einer Reihe von Schallplatten sich eine aussuchte, ergriff und sie auf ein Portal transportierte, kaum dort abgelegt, erklang flotte Schlagermusik.
Als ich mich zu Ilona durchgeschlängelt hatte und neben Ilona Platz nahm, klärte sie mich sofort auf: „Hast du das gesehen“, meinte sie begeistert, „das ist eine Musikbox von drüben.... Klasse was?“ Sichtlich zufrieden lehnte sich Ilona an mich, klammerte sich an meinen rechten Arm, schaute mich verliebt an und sagte: „Ich lasse dich heute nicht mehr los...meinetwegen könnte es jetzt tagelang regnen, blitzen und donnern!“
Horst, der mit Margit neben uns saß, hörte das und entgegnete, dass er etwas Besseres wüsste, als hier auf der harten Bank zu hocken. Er würde sich lieber auf einer Matratze herumkullern. „Hast du das gehört?“, meinte Ilona empört zu mir, „Horst wird gleich wieder frech!“ Nachdem ich sie fragte, wieso er deshalb frech sei, spürte ich sofort ihren Ellenbogen zwischen meinen Rippen! Früher bekam ich von Klein-Erna vor Wut Faustschläge auf die Oberarme, wenn ihr etwas nicht passte, was ich gesagt hatte. Jetzt waren die Rippen dran – aber aus reiner Zärtlichkeit, versteht sich. Die Zeiten hatten sich wirklich geändert, wie Ilona sich jüngst geäußert hatte.
Die Gaststube war nicht allzu groß. Wie so üblich, hatten am Stammtisch die Honoratioren des Dorfes gesittet und im feinen Zwirn Platz genommen: Der Bäcker- und Fleischermeister sowie der Kohlenhändler hatten irgendwie heil und ungeschoren die Nazizeit überstanden. Ihren Gesten war zu entnehmen, dass sie wichtige Probleme der großen Politik wälzten oder über die zu hohen Schwarzmarktpreise schimpften!
An den übrigen fünf oder sechs Tischen hockte noch in Arbeitskleidung, die zur damaligen Zeit hauptsächlich in der Landwirtschaft aus abgetragenen graugrünen Uniformen bestand, das gewöhnliche Volk. Es war nach der Arbeit vom Acker sofort in die Kneipe marschiert. Am Ecktisch wurde Skat „gedroschen“. Die Stimmung war ziemlich ausgelassen, der Lärmpegel lag weit über dem Grenzbereich. Man hatte schon einige Maß Helles durch die Kehlen rauschen lassen.
Ilona hatte sich schon längst die Übersicht verschafft und meinte zu mir: „Stell dir das einmal vor, anstatt sich von der Arbeit gleich nach Hause zu scheren, zur Frau und Kindern, hocken die sich in die Kneipe und betrinken sich...würdest du mit mir auch so umgehen?“... Ilona war heute wieder einmal sehr anstrengend, laufend stellte sie mir derartige Fragen.
Margit schimpfte: „Komisch, wir stehen uns im Konsum die Beine in den Bauch, wenn wir Pech haben bekommen wir braunen Zucker, weil die Butter wieder einmal nicht für alle gereicht hat...Wegen eines lumpigen Dreipfundbrotes, bin ich gestern zwei Mal zum Bäcker gerannt... und das blöde Bier gibt es in Hülle und Fülle. Davon gibt es so viel, dass sich einige jeden Tag sinnlos betrinken können....das begreife wer will!“
Irgendjemand legte sich wieder mit Margit an meinte, dass sie doch von der Liebe satt würde und nicht essen brauche. Sie holte tief Luft und wollte gerade loslegen, da stand Putzi am Tisch und erklärte uns, dass er den Direktor telefonisch von unserer Situation berichtet habe, damit er sich nicht sorgt, wenn wir etwas später ankommen sollten.
Wie sich herausstellte, hatte der gute Mann unseren Etat für heute großzügig erhöht, sodass für jeden noch großes Glas Waldmeister-Limonade abfiel. Zur Erklärung: Schulausflüge und Klassenfahrten wurden prinzipiell vom Staat finanziert, so dass wegen eventuellen Geldmangels niemand zu Hause bleiben musste.
Sofort gingen alle Arme hoch, als Putzi fragte, wer noch Durst habe „Vorsichtig“, sagte ich zu Ilona, „denke daran, du hast Brombeeren gegessen!“ Sie schaute mich spitzbübig an, streckte mir ihren halboffenen Mund frech entgegen und fragte: „siehst du noch etwas, mein Schatz?... Soviel waren das doch gar nicht!“... Mein ehemals schlohweißes und jetzt blauverschmiertes Taschentuch kam mir kurz ins Gedächtnis, sowie die zu erwartende Standpauke meiner lieben Mama.
Der Wirt erschien und stellte jeden von uns ein großes Glas Waldmeister-Limonade vor die Nase und meinte, wir sollten sie mit Genuss trinken, da die Schule sie bezahle.
Draußen schien indessen die Welt unter zu gehen. Das Gewitter befand sich jetzt direkt über uns und entlud sich erbarmungslos. Schlag auf Schlag folgte, wobei Ilona jedes Mal zusammen zuckte und ängstlich meinen Arm an sich drückte. „Nicht auszudenken“, meinte sie, „wenn uns das Gewitter im Rösetal überrascht hätte!“ Ich beruhigte sie und erklärte ihr, dass Putzi als erfahrener Frontkämpfer die Wetterlage schon richtig eingeschätzt und uns rechtzeitig in Marsch gesetzt habe. Zum Glück regnete es nicht allzu toll. Da wir aber noch einmal aufbrechen und über Feldwege fahren mussten, kam uns der geringe Regen sehr entgegen, schon wegen der zu befürchteten Staubwolke, die bei einer Kolonnenfahrt hervorgerufen wird.
Die Musikbox wurde von den hiesigen Gästen laufend bedient, die Stimmung konnte nicht besser sein. Die Mädchen zappelten auf ihren Plätzen nach dem Takt der Musik und summten leise vor sich hin „Wenn der Schuppen nicht zu klein und zu eng wäre, könnten wir sogar tanzen“, meinte Margit zu Ilona. Sie lächelte mich an und sagte provozierend: „Du würdest dich bestimmt darüber freuen und fleißig mittanzen....oder?“ Sie wusste, dass ich mich am wohlsten auf einem Fußballplatz fühle, als auf einem abgestumpften Parkettfußboden. Nachdem ich sie mit einer ziemlich sauren Miene angeschaut hatte, meinte sie, dass dies ein Scherz gewesen sei und sagte zu mir etwas leiser: „Ich werde es schon noch schaffen aus dir einen halbwegs ordentlichen Tänzer zu machen!“
Kaum hatten sich das Gewitter und der Regen einigermaßen verzogen, blies Putzi zum Aufbruch, wobei er nach alter Soldatenmanier den rechten Arm in die Höhe streckte und zum Ausgang zeigte.
Durch die Unruhe, die jetzt im Lokal entstand, unterbrachen die Herren am Stammtisch ihr Gesprächsrunde und schauten uns neugierig hinterher. An den übrigen Tischen war teilweise nur noch ein Lallen zu vernehmen. Am Skat-Tisch war man inzwischen in Ekstase geraten. Ein Skatbruder rief gerade laut: „Hose runter!“
Diese Bemerkung war zu viel für die hoch anständige Ilona! „Hast du das gehört“, meinte sie empört zu mir, „diese Ferkel!“ Horst setzte noch einen drauf und sagte, dass dies beim Skatspielen so üblich sei. „Wenn wir im Winter wieder bei euch Rommé spielen, können wir ja mal ein paar Runden Skat spielen“, meinte er zu ihr und grinste sie dabei an. Ilona war unsicher geworden, schaute erst Horst dann mich an und schimpfte: „Sag du doch auch mal etwas dazu!“
Wir waren im Aufbruch begriffen und Ilona wollte wieder einmal von mir sofort eine Antwort. Sie ähnelte Klein-Erna immer mehr in dieser Beziehung. „Ilona“, sagte ich zu ihr, „das ist nur eine Redewendung beim Skatspielen.... Das bedeutet weiter nichts, als das ein Spielmacher bei einem bestimmten Spiel seine Karten offen auf den Tisch legen muss... Ich erkläre dir das später einmal...Jetzt fahren wir erst einmal los!“ Inzwischen hatte sich der Konvoi in Bewegung gesetzt und wir hatten Mühe den Anschluss nicht zu verlieren.
Es hatte aufgehört zu regnen und das Gewitter hatte sich nun entgültig verzogen. Als Abschied und Erinnerung an diesen Tag zauberte es einen farbenprächtigen Regenbogen in den Himmel. Wie eine bunte Zauberglocke setzte er sich schützend über das gesamte Mansfelder Land. „Schau dir das an“, meinte Ilona, „ist das nicht ein wunderbarer Anblick.“
Ich erzählte ihr, dass Klein-Erna immer gemeint habe, dass der Liebe Gott dann einen Regenbogen schickt, wenn alle besonders artig waren an diesem Tage. „Was hast du ihr geantwortet?“, fragte mich Ilona neugierig. „Weil ich wusste, dass Klein-Erna mit ihrer Mutti sehr religiös veranlagt waren und darin auch ihren Trost fanden in ihrer für sie besonders schweren Zeit, habe ich sie bei diesem Glauben gelassen“, entgegnete ich. Ilona kam wieder etwas näher an mich herangeradelt und sagte: „Siehst du mein Schatz, auch wegen deiner Rücksicht anderen gegenüber, mag ich dich so sehr!“
Als wir auf dem Feldweg einbogen, stellten wir fest, dass es wirklich nicht viel war, was da heruntergekommen war. Ilona radelte jetzt ruhig und zufrieden neben mir.
„Weißt du was mich freut?“, meinte sie nach einer Weile, „ich habe mein Kreuz überhaupt noch nicht gespürt, du brauchst den Sattel nicht wieder verstellen, ich werde nur noch mit den Fußspitzen tremmpeln...Eine Umstellung ist das schon.. aber jetzt habe ich mich daran gewöhnt!.. Der Mutti werde ich es auch vorschlagen, sie jammert auch immer über ihr Kreuz beim Radfahren!“
Man merkte allen an, dass es endlich nach Hause ging und da wir bis zur Haustür nur noch bergab fuhren, war die Stimmung entsprechend. Alle freuten sich über den gelungenen Ausflug und darauf, bald wieder bei Muttern zu sein. Überall in der Kolonne wurde gelacht, gescherzt und besonders über die gestichelt, die sich als wasserscheu erwiesen hatten. Willi stand dabei auch wieder im Mittelpunkt, er konnte nicht ins Wasser, weil er ja seine Badehose vergessen hatte!
Ilona meinte zu mir: „Ich bin schon auf die nächste Wandzeitung gespannt, dort wird Willi bestimmt lobend erwähnt! Nach einer Weile meinte sie: „Da hast du endlich einmal richtig reagiert und es abgelehnt, den Verantwortlichen zu spielen!“ Putzi hatte mich dabei unterstützt, weil er der Meinung war, dass die gesellschaftlichen Aufgaben gerecht verteilt werden sollten. Er hat das Problem souverän gelöst, indem er einige Mädchen dazu vergatterte.
Ja, es gab sogar eine Wandzeitungsredaktion in unserer Schule, in jeder Klasse, ab der fünften, mit einem Verantwortlichen, der Redakteur genannt wurde, frei nach dem Vorbild der sowjetischen Schulen. Über unserer Wandzeitung stand in großen roten Lettern geschrieben: „Von der Sowjetunion lernen, heißt siegen lernen!“ Wie das Siegen schließlich endete, ist ja hinreichend bekannt! Das Prunkstück der Wandzeitung aber war das Stalinbild in der linken oberen Ecke!
Niemand von uns hat damals gewusst, wer Stalin wirklich war, und was er alles auf dem Kerbholz hatte. Er wurde verherrlicht und in den Himmel gehoben, weil angeblich auf Grund seiner „weisen Führung“ der Krieg gegen die Nazis gewonnen wurde. Dass er seine politischen Gegner nicht auf dem Scheiterhaufen bei lebendigen Leibe verbrennen ließ, wie es zur Zeit der Inquisition üblich war, sondern sie reihenweise an die Wand stellte, ist erst viel später bekannt geworden.
Jetzt passierten wir die Stelle an der heute Früh der Wächter der Kirschplantage und sein dürrer Fleischerhund mit bösen Blicken versucht hatten, uns Angst einzujagen. Beide waren verschwunden. Auch die Kirschen. Aus alter Erfahrung wusste ich aber, dass bei diesen vielen Bäumen sich ein Stoppeln auf jeden Fall gelohnt hätte. Leider wurde nichts daraus. Alle Versuche, Putzi die Kirschen schmackhaft zu machen, schlugen fehl, er ließ sich auf nichts ein. Ilona atmete erleichtert auf und sagte: „Bin ich froh, denn du wärst wieder als Erster auf die Bäume geklettert und ich hätte wieder Tausend Ängste ausgestanden!“
Obwohl von der Margarinebemme bis zum Kartoffelsalat alles aufgegessen wurde, machte sich auch bei mir langsam der Hunger bemerkbar. „Stell dir vor“, sage ich zu Ilona, „jetzt noch die Kirschen und das Abendbrot wäre perfekt gewesen!“ Ilona erinnerte sich dabei an ihre Brombeeren, die wohlverwahrt in ihren beiden Brotbüchsen kurz vor einem Hitzkoller standen, und meinte, dass sie sowieso besser schmecken als die Kirschen.
Je näher wir unserm Ziel kamen, desto ruhiger wurde es in der Kolonne. Ein Zeichen dafür, dass alle von den Anstrengungen des Tages langsam geschafft waren. Nur das Surren der Räder, das durch den Fahrwind und durch die Speichen verursacht wurde, war noch zu hören.
Die Ruhe war direkt erholsam. Ich ließ meine Gedanken spielen und freute mich schon darauf, am nächsten Tag endlich einmal ausschlafen zu können. Die Freude dauerte nicht allzu lange. Ilona schreckte mich auf und erinnerte mich an mein Versprechen, sie heute noch nach Haus zu bringen. Sie erhob den Zeigefinger wie ein Oberlehrer und sagte: „Versprochen ist versprochen!“ Ich dachte schon, das war alles was sie sagen wollte, da nahte schon die nächste Überraschung: „Morgen Nachmittag bringt der RIAS wieder Tanzmusik... ich freue mich schon darauf,,, du auch?“ Nun wusste ich was mir morgen, am Sonntag, alles blühte.
Endlich kam die Dorfkirche in Sicht. Es dauert nicht allzu lange und wir waren alle ohne größeren Schaden am Platz vor der Drogerie eingetrudelt. Putzi verabschiedet sich von uns und wünschte uns erholsame Sommerferien. Auf Grund unsere Schulausfluges, hatten wir unsere Zeugnisse bereits einen Tag vorher erhalten. Wir waren schon dabei uns aufs Rad zu schwingen, da verpasste uns Putzi noch einen Tiefschlag. „So“, meinte er, „ihr habt ja jetzt acht Wochen Zeit, dann schreibt bitte einen Aufsatz mit dem Thema: Mein schönstes Ferienerlebnis!...Mehr als sechs Seiten brauchen es nicht sein!... Und denkt daran, die Schrift wird auch mit benotet! Diese Bemerkung war für die mit der schrecklichen Klaue gedacht. Schwang sich aufs Fahrrad und fort war er.
Im ersten Moment waren wir total sprachlos. Da wir aber von neugierigen großen und kleine Passanten umringt waren und wir nicht wieder in den einschlägigen Geschäften zum Gesprächsthema werden wollten, hielt sich unser Protest in Grenzen, Die Tratschweiber hätten dann wieder aus der Mücke einen Elefanten gemacht!

Teil 43 folgt
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"Du mußt....
Leiden oder triumphieren,
Amboß oder Hammer sein."

(Johann Wolfgang von Goethe)
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Alt 21.11.2011, 19:16   #262
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...
... es ist mir weiterhin ein Genuss!

Viele Grüße -
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Alt 18.12.2011, 12:05   #263
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Kindheitserinnerungen.... das neue Leben

Teil 43

Langsam löste sich der Pulk auf. Jeder verschwand mit seinem Fahrrad in eine andere Himmelsrichtung. Ilona stand neben mir und schimpfte wie ein kleiner Rohrspatz: „Diese Gemeinheit hätte ich Putzi nie zugetraut... wo er doch genau weiß was in den Ferien alles auf uns zukommt...wenn ich nur an die Kohlenaktion denke und nun noch dieser blöde Aufsatz!“ Ich erinnerte sie daran, dass Putzi nicht der liebe Onkel, sondern unser Pauker sei. Sie ergriff mein Hand, schaute mich treuherzig an und fragte: „Du hilfst mir doch dabei, oder ?“ Wer konnte diesen Blick widerstehen?
„Da werden wir uns wohl während der Ferien ein paar Mal zusätzlich bei dir treffen und gemeinsam wegen des Aufsatzes scharf nachdenken müssen!“, entgegnet ich ihr. „Du alter Schlingel“, meinte sie darauf hin zu mir, „Mutti hat uns schon längst durchschaut, von wegen die Schulaufgaben gemeinsam erledigen!“
Ich gab den Ahnungslosen und sagte, dass es doch bis jetzt mit der gemeinsamen Lösung von Schulaufgaben immer hervorragend geklappt habe. „Vor allem, wenn wir überhaupt keine zu erledigen hatten und wenn doch, dann hat mich immer jemand davon abgehalten, anstatt mir zu helfen“, gab sie lächelnd zurück.
Inzwischen waren wir bei Ilona angekommen. Wie ich mitbekam, hatte ihre Mutti bereits auf uns beide gelauert. Staunend nahm ich zur Kenntnis, dass dies von Anfang an eine heimlich beschlossene Sache der beiden war. Ilonas Mutti gab uns zu verstehen, dass sie uns schnell eine Knorr-Suppe koche, mir war das stets peinlich, da die Ernährungslage nach wie wir vor sehr angespannt war. Hätte ich es abgelehnt, wären beide wieder beleidigt gewesen. Sie bekamen durch Verwandte von drüben ab und zu ein sogenanntes „Fress- Paket“ geschickt, wie es von einigen neidvoll genannt wurde.
Während Ilona erst einmal ihrer Mutti die Brombeeren übergab, schnappte ich mir vom Hof den nächsten herumstehenden leeren Wassereimer, pumpte ihn voll, zog mich wieder bis auf die Badehose aus und weichte mich ordentlich ein. Ilona bekam das mit und war sofort mit Handtuch, Seife und Waschlappen zur Stelle. „So“ sagte ich, als ich fertig war und Ilona mir beim Abtrocknen geholfen hatte, und ich mich wie ein neugeborener Mensch fühlte, „jetzt bist du dran!“ Sie lachte, rannte in die Wohnung und rief: „Das könnte dir so passen, ich habe mir erst einmal die Hände und das Gesicht in der Küche gewaschen, wir sind ja nicht so arm wir ihr. Bei uns gibt es in der Küche schließlich eine ordentliche Wasserleitung!“
Als ich eintrat, hatten die Frauen den Tisch bereits gedeckt. Die Nudelsuppe schmeckte köstlich und die frischangerichteten Brombeeren waren der krönende Abschluss. Gemeinsam amüsierten wir uns anschließend über unsere blauen Münder und Zähne. Dabei bekam Ilonas Mutti den Zustand meines Taschentuches mit. Sie erschrak und erklärte, dass es nie wieder richtig sauber werden würde. „Das musst du aber schon wissen“, meinte sie vorwurfsvoll zu Ilona“, dass man Obstflecke nicht mit Taschentüchern entfernt!“
Leicht verlegen stammelte sie: „Na ja, „ich habe beim Sammeln ein paar Brombeeren gegessen und sah ganz, ganz blau um den Mund herum aus. Sie stellte das ziemlich harmlos dar. Jetzt musste ich mir schon wieder ein Grinsen verkneifen. Als sie vorhin aus dem Gestrüpp auftauchte, sah sie so zersaust aus, dass man annehmen konnte, sie habe nebenbei auch noch Trüffel gesucht und nicht nur Brombeeren gepflückt. Mutti, dann hat es auf einmal plötzlich geblitzt und gedonnert, da mussten wir uns beeilen.
Ilonas Mutti nahm mir mit einem leichten Lächeln das Taschentuch ab, ging ins Schlafzimmer und kam mir einem schlohweiß und gebügelten Taschentuch zurück und übergab mir es mit den Worten: „Bitte nimm, das ist noch von Ilonas Vati, sonst kriegst du womöglich noch Ärger mit deiner Mutti!“... Ich stotterte mir verlegen ein Dankeschön ab und steckte es ein. Ilona strahlte vor Glück über den Einfall ihrer Mutti. Leise sagte Ilona zu mir: „Siehst du mein Schatz, jetzt hast du sogar ein Taschentuch von meinem Vati.“
Als ob weiter nichts gewesen wäre, plapperte sie ungezwungen und begeistert vom Ausflug und übertrieb an einigen Stellen erbarmungslos. Vor allem was mich betraf, ich erkannte mich kaum wieder. Sie feierte mich als den Helden des Tages und ich wusste nicht warum. Dabei erfuhr ich auch, dass wie beide uns vorgenommen hatten am nächsten Wochewende ins Heidebad zu fahren. Von diesem Einfall wusste ich noch gar nichts. Den Badeort muss sie wohl von Putzi aufgeschnappt haben. Es sei nicht allzu weit weg, wie sie meinte. „Weißt du“, sagte sie zu ihrer Mutti, „an einem See kann man nicht schwimmen lernen, das ist total unzweckmäßig und auch gefährlich...dort sind nämlich schon viel ertrunken!.. Außerdem ist er sehr groß, man sieht das andere Ende gar nicht und tief ist er auch!“
Es viel mir wirklich schwer über ihren plötzlichen Einfall und über ihr „fachmännisches“ Urteil nicht zu schmunzeln!“ Wasserscheue finden immer eine Ausrede. Hielt mich aber zurück, um ihr nicht noch den Rest des Tages zu verderben. Es kam mir nie in den Sinn mit ihr ernsthaft zu streiten, dafür gab es kaum Anlass, außerdem hatte ich sie viel zu gern. Amüsieren konnte ich mich jedoch ziemlich oft über sie.
Auch der schönste Tag geht einmal zu Ende. Wir standen in unserer versteckten Hoftorecke und verabschiedeten uns. Ein paar Tränen kullerten dabei über ihr Wangen und sie meinte traurig: „Der Tag mit dir war heute so schön...ich möchte immer mit dir zusammen sein...verstehst du?...Jeden Tag... jede Stunde!... Schade, dass du schon gehen musst!“ Da ich sie wieder aufheitern wollte, sagte ich spaßhaft zu ihr: „Kein Problem... ich fahre erst einmal nach Hause und wenn es richtig dunkel geworden ist, komme ich zurück.... Du lehnst dein Kammerfenster nur an“...sie unterbrach mich, schmiegte sich an mich und sagte: „Du weißt doch ganz genau, dass dies nicht geht.“ Enttäuscht wich sie zurück, schaute mich an und meinte: „Ich glaube du machst dich wieder lustig über mich und nimmst mich gar nicht ernst!“
Eigentlich wollte ich schnell nach Hause. Nun verzögerte sich der Abschied wieder und ich musste ihr wieder hoch und heilig versprechen vor dem Einschlafen an sie zu denken. „Dafür drücke ich meinen Teddy heute Abend besonders lieb“, meinte sie zu mir. Sehr logisch, ich soll an sie denken und sie drückt dafür ihren Teddy!
Wie das Amen in der Kirche stand fest: Der Abend würde wieder wie jeder andere enden, wenn nicht noch eine Stromsperre dazwischen kam. Meine Mutter würde wieder das Licht löschen, während ich mit dem Karl-May-Buch auf der Nase selig vor mich hin schnarchte.
Als ich losfuhr wurde ich noch einmal an die sonntägliche Tanzstunde erinnert! „Und komm bitte nicht zu spät!...Margit und Horst sind immer sehr pünktlich“, rief sie mir hinterher.
Ja, diese Tanzstunden! Sie waren ein Einfall Ilonas Mutti. Der RIAS, der damals noch nicht durch Störsender überlagert wurde, spielte wunderbare Tanzmusik. Wir befanden uns in einer komplizierten Situation. Vom Alter her war für uns die Teilnahme an öffentlichen Tanzveranstaltungen verboten. Oft arteten sie in Schlägereien aus, so dass die Polizei alarmiert werden musste.
Als Zeitzeuge möchte ich kurz auf ein Thema eingehen, das ich noch nie erwähnt habe, das aber die eingeschränkten Maßnahmen für uns als richtig erscheinen lassen: Wie nach jedem Krieg, waren auch kurz nach dem Zweiten Weltkrieg verstärkt Geschlechtskrankheiten ausgebrochen! Erst bei der letzten Tanzveranstaltung waren überraschend Lkws vorgefahren, die alle Frauen, die von auswärts kamen, das betraf die meisten, oft unter Anwendung von Waffengewalt aufgeladen und ins Krankenhaus zur Untersuchung geschafft wurden. Das war keineswegs ein Einzelfall. Natürlich wurde im Dorf und auf dem Schulhof darüber sagenhaft diskutiert. Zu Hause hielt man sich jedoch noch bedeckt über das „peinliche“ Thema.
Bereits Klein-Erna hatte damals das Wort auf dem Schulhof aufgeschnappt und mich gefragt: „Sag mal Aggi“, du weißt doch immer alles... was sind eigentlich Geschlechtskrankheiten, tun die sehr weh?“ Als ich die Schrecksekunde überwunden hatte und ihr stotternder Weise erklärte, dass ich das auch nicht so genau wisse, hatte sie ihre Mami gefragt. Gleich am nächsten Tag erklärte Madam mir auf dem Weg zur Schule: „Aggi, du brauchst keine Angst haben, die Geschlechtskrankheiten können nicht so schlimm sein, die Mami weiß es nämlich auch nicht!“ Damit war das Problem erst einmal geklärt.
Die Bekämpfung ging bis in die fünfziger Jahre hinein. Das Deutsche Hygiene-Museum Dresden, das später durch den „Gläsernen Mann“ und durch die „Gläserne Frau“ international großes Ansehen erwarb, hat in den Städten sogenannte Wander-Ausstellungen mit Bildmaterial organisiert, die jeder bei freiem Eintritt besichtigen konnte. Für öffentliche Instutionen war der Besuch Pflicht. So wurden wir später von der Berufsschule aus in peinlicher Art und Weise sogar untersucht und klassenweise durch die Räume der Ausstellung gescheucht. Es war schon eine verrückte Zeit damals. Das nur nebenbei.
Abendliche Kinobesuche waren für uns ebenfalls verboten und die Kinderveranstaltungen waren wegen der Unruhe ein einziges Grauen. Der Volkstanzzirkel hatte sich wegen Mangel an Beteiligung aufgelöst. Außer der Möglichkeit Fußball zu spielen, kümmerte sich sonst niemand um uns. So war es Ilonas Mutti hoch anzurechnen, dass sie sich mit uns auf diese Art beschäftigte. Sie war es nämlich, die uns nicht nur die Tanzschritte, sondern auch die Benimm-Regeln, so sagte sie dazu, erklärte. Sie schlug gewissermaßen zwei Fliegen mit einer Klappe, indem sie uns außerdem davon abhielt, zu den öffentlichen Tanzveranstaltungen und zum Ärger des Wachtmeisters vor der Gaststätte herumzulungern.
Kräftig in die Pedalen tretend, versuchte ich so schnell wie möglich nach Hause zu kommen. Im Rückspiegel sah ich Ilona wieder emsig winken. Als Antwort klingelte ich ein paar Mal kräftig.
Als ich in die Straße unserer Wohnung einbog und froh war nach diesem anstrengenden Tag endlich zu Hause angekommen zu sein, traute ich meinen Augen nicht. Ursel stand am Gartenzaun und winkte mir schon von weitem zu. „Du kommst aber heute spät nach Hause“, meinte sie zu mir. Sie war nach wie vor hinter mir her. Auch das noch, ging es mir durch den Kopf. Mit verweinten Augen stand sie vor mir und erzählte, dass ihr Vati wieder schrecklich böse gewesen sei und sich mit der Mutti und ihren beiden größeren Brüdern gezankt habe.
Ihr Vati, der, wie bereits bekannt, wegen einer unheilbaren Krankheit vorzeitig aus russischer Kriegsgefangenschaft entlassen wurde, fühlte sich bei der Bewältigung der häuslichen Probleme und im Umgang mit seinen Kindern überflüssig und übergangen. Er war sieben Jahre von zu Hause weg gewesen, während dieser Zeit sind nicht nur seine Kinder ohne ihn größer und selbständiger geworden, sondern seine Frau hat gerade in der Zeit, in der die Erziehung der Kinder sehr wichtig und vor allem kompliziert ist, allein dagestanden. In ihrer Not und Verzweiflung hatte sie vielleicht so manches durchgehen lassen. Jetzt war der Erzieher wieder zu Hause und niemand von den Kindern akzeptierte seine Meinung. Bedingt durch seine Krankheit war er sowieso verzweifelt. Zu mir hat er einige Male gesagt, dass er von den Russen nur zum Sterben nach Hause geschickt wurde.
Die Familie wohnte direkt über uns, so dass wir durch den Krach, der fast jeden Abend stattfand, oft bis in die Nacht hinein gestört wurden. Als ich eines Tages nach Hause kam, musste ich erleben, wie sich seine zwei Söhne auf dem Hof mit ihm schlugen. Fassungslos nahm ich zur Kenntnis, wie halberwachsene Kinder gegen ihren kranken Vater die Hand erhoben!
Dieser Mann musste aus Profitgier der Wirtschaft- und Industriekonzerne in den Krieg ziehen, hatte zufällig überlebt, kam todkrank zurück und musste den Zerfall seiner Familie erleben.
Jetzt stand Ursel völlig verzweifelt vor mir. Sie tat mir leid. Und ich wusste wieder einmal nicht wie ich mich verhalten sollte. Eines wusste ich genau, sie hatte mich immer noch nicht aufgegeben und nutze jede Gelegenheit mich mit Ilona auseinander zu bringen.
Sie sah mich mit verweinten Augen an und fragte: „Gehen wir beide morgen ins Kino?“

Teil 44 folgt
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Leiden oder triumphieren,
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(Johann Wolfgang von Goethe)
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Alt 22.01.2012, 18:49   #264
frn_knut22
 
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toll geschrieben...
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Alt 22.01.2012, 18:56   #265
frn_knut22
 
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die geschichte gehört zu "LeMO das kollektive gedächtnis". bin aus blankenheim...
mfg knut
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Alt 25.01.2012, 16:08   #266
aggy5604
 
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Teil 44

Obwohl mich die Strapazen des Tages ganz schön geschafft hatten, blieb mir nichts weiter übrig, als mich mit Ursel ernsthaft zu unterhalten. Sie tat mir ja so leid. Und nun stand sie mit tränennassem Gesicht vor mir und wollte eine Antwort haben. Ihre zwei älteren Brüder hatten ihre eigenen Probleme und kümmerten sich kaum noch um sie, so dass sie die meiste Zeit nach dem Schulunterricht gelangweilt im Hof oder im Garten herumlungerte, mich auflauerte, mir bei meiner Bastelei an den Fahrrädern zu schaute, mich mit irgendwelchen Fragen überhäufte, mir oft auf die Ketten ging, um beim Thema Fahrrad zu bleiben.
„Ursel, was würdest du denn sagen“, fragte ich sie „wenn dein Freund einfach mit einem anderen Mädchen ins Kino gehen würde, während du auf ihn wartest und wenn...“ Sie fiel mir sofort ins Wort und erklärte mir trotzig, dass sie ja noch keinen festen Freund habe. „Du weißt aber, dass ich mit Ilona befreundet bin und einen großen Teil meiner Freizeit mit ihr verbringen möchte!“, entgegnete ich ihr.
Sie schaute mich groß an und meinte traurig: „Das weiß ich längst, das ist ja während der Pausen auf dem Schulhof kaum zu übersehen...außerdem holt sie dich ja oft ab!....Hast du sie wirklich gern?“
Sie ist bestens informiert, ging es mir durch den Kopf. Irgendwie wie musste ich versuchen sie umzustimmen, ohne sie vor den Kopf zu stoßen. „Wir haben uns beide sehr gern.... Ilona ist zur Zeit aber sehr traurig, weil sie mit ansehen muss, wie all die Väter aus der Kriegsgefangenschaft entlassen werden und ihr Vati nicht dabei ist, nicht dabei sein kann.... Er ist ja schon vor ein paar Jahren gefallen“, sagte ich zu ihr. Sie schaute mich traurig an und meinte, dass ihr Vati zwar auch zurückgekommen sei, aber nur immer mit ihr schimpfe. „Wirst sehen“ , sagte ich zu ihr, „wenn er wieder gesund ist, schimpft er bestimmt nicht mehr mit dir...Hör auf ihn, mach einfach alles, was er die sagt!“ Bevor sie darauf antworten konnte, wechselte ich schnell das Thema.
„In deiner Klasse sind doch auch einige nette Jungs“, fing ich an. Sie unterbrach mich sofort und sagte, „das glaubst du wohl selbst nicht... was soll ich mit diesen Heinis anfangen...die sind doch alle blöd!“ Ursel war noch in dem Alter, indem alle Jungs eben blöde sind, zumindest die gleichaltrigen.
„Wenn ich mich in der Pause auf dem Schulhof so umschaue“, fing ich wieder an, „da gibt es einige Jungs, die zu dir passen...es sind nämlich nicht alle blöd.... du bist doch ein nettes Mädchen und siehst doch auch gut aus!“ Sie schaute verlegen an sich herunter, lächelte und fragte: „wirklich?“ Ursula wuchs langsam zum Teenager heran und hatte alle Voraussetzungen dafür. Sie waren wirklich nicht zu übersehen.
Am Beispiel von Ilona und Margit schlug ich Ursula vor, sich erst einmal eine feste Freundin anzuschaffen, mit der sie dann einiges unternehmen und auch ins Kino gehen könne. Sie schaute mich an meinte, dass sie ja mehrere Freundinnen habe. „Aber was für welche, das habe ich auch schon mitbekommen“, sagte ich zu ihr, „entweder ihr steht alle in der großen Pause neugierig um uns herum, sperrt eure Mäuler auf und versucht von unseren Gesprächen irgend etwas aufzuschnappen, oder ihr rennt wie die jungen Hühner gackernd über den Schulhof, du vornweg und veranstaltet irgend einen Blödsinn...Wer solch sich da von den Jungs für euch interessieren?
Sie sah mich erschrocken an, dachte ein Weile nach, wechselte das Thema und fragte: „Sag mal, wenn Ilona nicht deine Freundin wäre, würden wir beide dann zusammen gehen?“ Erleichtert nahm ich zu Kenntnis, dass Ursel sich langsam mit der Situation abfand.
„Glaube mir, ich mag dich sehr“, sagte ich zu ihr, „und werde dir auch immer helfen, du kannst jederzeit zu mir kommen, wenn du Hilfe brauchst!....Wenn ich nicht mit Ilona befreundet wäre, könnte ich mir schon vorstellen die Freizeit mit dir zu verbringen...du bist ein tolles Mädchen.... Leider bin ich schon vergeben...damit musst du dich abfinden.“
Unser Gespräch ging eher zu Ende als ich dachte. Meine liebe Mama, sie lauerte mit dem Essen auf mich, hatte mich schon längst bemerkt und erlöste mich aus dieser heiklen Situation.
An diesem Abend bin ich sprichwörtlich ins Bett gefallen. Anfangs habe ich mir den Kopf über Ursulas Probleme zermartert, selbstverständlich habe ich auch an Ilona gedacht und mir vorgestellt, wie sie mit ihrem Teddy kuschelt und an diesem Abend vielleicht noch schneller eingeschlafen ist als ich.
An meine Mutter musste ich auch denken, sie war verärgert, weil ich in Religion die Note drei nach Hause gebraucht hatte, die schlechteste Note auf meinem Zeugnis. „Das kommt davon, wenn man nur die Mädchen und das Fußballspielen im Kopf hat“, meinte sie vorwurfsvoll zu mir. Ob sie sich damals auf den Dialog zwischen Heinrich und Gretchen bezog: „Heinrich, wie hält du’s mit der Religion?“, weiß ich nicht so genau. Ich nehme das Fach einfach nicht ernst genug, wie sie meinte. Dabei hatte ich den Pfarrgarten fast alleine ordentlich umgegraben, weil die „Hiesigen“ aus meiner Klasse nicht wussten wie ein Spaten richtig angefasst wird - und das auf einem Bauerndorf!
Natürlich hat mich Nachtbars Gockel wieder viel zu früh muntergekräht. Und das zum Sonntag. Kaum hatte ich die Lichter geöffnet, wurde mir ein Zettel vor die Nase gehalten. Da mich meine liebe Mama kaum zu Gesicht bekam, wie sie stets betonte, wurde ich auf diese Art in meine Aufgaben für die kommende Woche eingewiesen.
In alter deutscher Schrift wurde ich nun an die Kohlenaktion erinnert, die am Montag beginnen sollte. Ohne das erfrischende Bad unter der Wasserpumpe, war ich trotzdem sofort munter!
Die lateinische Schrift hatte mein Mutter nicht gelernt, sie konnte sie zwar lesen, bemühte sich aber überhaupt nicht, sie auch zu schreiben, obwohl die Buchstaben viel einfacher zur Hand gehen.. Wir vom Jahrgang 1934 schlugen uns damals noch mit der alten Schrift herum, wenn ich zum Beispiel an das F oder K denke, einfach schrecklich, da fiel dem Füh..rer ein, sie zu verbieten und die lateinische einzuführen!
Um dem Zeitgeist gerecht zu werden, möchte ich noch ergänzen: Mit dieser Anweisung wurde auch die Schiefertafel mit Schieferstift, Schwamm und Putzlappen aus dem Schulranzen verbannt. Es blieb nur die umgehängte Brottasche zur Selbstverteidigung übrig.
Die Zeiten waren nun vorbei, in dem man seinen Kollegen auf dem Schulweg durch einen unverhofften, kurzen, schnellen körperlichen Dreher den nassen Schwamm aufs Zifferblatt drücken konnte.
Beide, der Schwamm und der Lappen, waren je durch ein Band mit der Tafel verbunden und schaukelten ungefähr dreißig Zentimeter außerhalb des Schulranzens ungezwungen vor sich hin. Die Tafel selbst bestand aus einem Stück Schiefer in DINA4-Größe und war in einem zwei Zentimeter breiten, mit an den Ecken abgerundeten Hartholzrahmen eingefasst. Auf einer Seite der Tafel waren rote Doppellinien und auf der anderen die bekannten Rechenkästchen rot eingebrannt. Die Schieferstifte waren oft so überhärtet, dass zum Ärger der Eltern und Lehrer tiefe Kratzer auf der Tafel zurückblieben.
Auf die anfängliche Kleckserei mit Tintenfass, Löschblatt, dem ersten Federhalter und der ziemlich breiten Ly8-Schreibfeder, für uns extra angefertigt, wie der Lehrer damals behauptete, möchte ich gar nicht erst eingehen. Der Patronenfüllfederhalter und der Kugelschreiber waren leider noch nicht erfunden. Vorbei waren auch die Zeiten, in den man den falsch geschriebenen Buchstaben oder das falsche Rechenergebnis bequem und schnell mit dem mit Spucke befeuchteten Finger löschen konnte! Wie das damals auf der Schiefertafel anschließend aussah, kann man sich vorstellen. So war das 1940. Diese aufregende Zeit lag nun längst hinter uns!
Die Kohleversorgung für den kommenden Winter stand auf der Tagesordnung. Die kalten Winter 1945 und 1946 noch guter in Erinnerung, veranlassten mich das Problem ernst zu nehmen.
Nachdem ich meine Mutter beruhigt hatte und ihr erklärte, alles im Griff zu haben, fuhr ich nach dem Mittagessen sofort zu Ilona. Sie freute sich natürlich und wunderte sich, dass ich diesmal der Erste war. Auch hier das gleiche Problem. Beide waren ratlos und hatten überhaupt keine Vorstellung, wie aus Rohkohle Briketts entstehen sollten. „Beruhigt euch“, sagte ich zu den beiden, „das ist wie früher, als Ilona noch im Sandkasten gespielt und mit Wasser herumgemanscht hat. Da hat sie bestimmt auch oft bis zum Knöchel in der Pampe gestanden!“ Sie verteidigte sich sofort und meinte, sie habe nur mit Puppen gespielt und nie im Sandkasten gehockt.
Heute war Sonntag und den wollten wir uns nicht vermiesen lassen. Als Margit und Horst erschienen, war auch die Sendezeit für das RIAS-Tanzorchester gekommen. Lieber wäre ich im Süßen See geschwommen als mich hier herumzuquälen.
Irgendwie war bei mir der „Groschen gerutscht“, wie man so schön sagt, Alle waren begeistert über meine Fortschritte beim Tanzen. Ilona natürlich am meisten. Margit mit ihrer großen Klappe konnte sich natürlich nicht beherrschen und stichelte wieder: „Du hast bestimmt gestern im Süßen See zuviel Wasser geschluckt!“
Was gibt es Schöneres im Teenageralter als sich beim Tanzen so nahe zu sein. Es wurde natürlich ausgiebig davon Gebrauch gemacht. Trotzdem kam in mir Neid auf, als ich mir ansehen musste, mit welcher Eleganz und Vollkommenheit Margit und Horst über das Parkett (Fußbodenbretter), schwebten. Es machte Spaß den beiden dabei zu zusehen. Ilona hatte das mitbekommen und tröstete mich und meinte: „Mach dir nichts draus mein Schatz... ich bin zufrieden mit dir... die beiden tanzen wirklich gut...dafür hast du andere Qualitäten...ich möchte jedenfalls nicht tauschen“, dabei himmelte sich mich an, stellte sich auf die Zehenspitzen und flüsterte mir leise ins Ohr: „Ich habe dich doch trotzdem lieb!“
Das war wieder so ein Moment bei dem ich mich gewaltig beherrschen musste, nicht aus der Rolle zu fallen! Wir waren ja nicht allein im Zimmer. Jeder Abend geht einmal zu Ende, auch der Tanzabend. Lang Abschied nehmend fuhr ich anschließend zurück. Margit und Horst hatten es ja nicht weit. Margit meinte: „Wir werdenden noch mal kurz an der Gaststätte vorbeischauen, dort ist heute bestimmt wieder einiges los.“ Horst meinte darauf hin, dass dies auf keinen Fall möglich sei, da sein Vater wieder kontrollieren würde.
Schon als ich mich näherte, kamen mir angetrunkene und lichtscheue Gestalten torkelnd entgegen. Ich musste höllisch aufpassen, sie nicht anzufahren. Auf meine Fahrradbeleuchtung war Verlass. Als ich vorbei fuhr, der Krach durch die Kapelle war kaum zu übertreffen, war der Schlagzeuger wieder mit seiner Bude, ohne oder mit selbstgebrannten Schnaps, in Ekstase geraten.
Wie so üblich, war wieder Pärchenbetrieb angesagt. Sie drückten sich in den dunklen Ecken und engen Gassen herum. Auch Uniformierte waren darunter. Die Russen waren demnach wieder kompanieweise über ihre Kasernenmauern gesprungen. Es würde wohl nicht mehr lange dauern und das Einsatzkommando kam wieder angeprescht, um für Ordnung zu sorgen und sie wieder einzufangen.
Als ich Horsts Vater, den Wachtmeister, in einer diskutierenden Meute mitbekam, trat ich kräftig in die Pedalen und verschwand schleunigst in der Finsternis. Freute mich im Stillen auf die Ferien und darauf was Ilona und ich uns während dieser Zeit alles vorgenommen hatten. Freude mich auf mein Bett, freute mich darauf endlich einmal ausschlafen zu können.
Um jedes unnötige Geräusch zu vermeiden, öffnete ich vorsichtig das Hoftor, schlich mich über den Hof und stellte behutsam das Fahrrad im Schuppen ab. Auf gar keinen Fall wollte ich Ursula in die Arme laufen.
Über uns war wieder der übliche Familienkrach im Gange. Erst gerieten sich Vater und Mutter in die Haare, ab und zu hörte ich Ursula bitter schluchzen. Als nach und nach die Söhne eintrudelten, ging der Krach wieder von vorne los. Dem schwerbehinderten und todkranken Hausherren und Vater war durch sein langjährige Abwesenheit, bedingt durch den Krieg mit anschließender russischer Gefangenschaft, das Sagen über seine Familie total aus den Händen geglitten und er wollte und konnte sich nicht damit abfinden. Das Problem sollte sich jedoch bald von selbst klären!
Die wichtigste Aufgabe für uns alle war jetzt die „Winterbevorratung mit Brennstoffen“, wie es im Amtsdeutsch hieß. Die Siedlung wurde zuerst mit roher Braunkohle beliefert. Zum Glück wohnte ich am anderen Ende des Ortes, wir waren demnach zuletzt dran und Ilona zuerst. Am Gemeindeamt hing eine Information mit wichtigen Hinweisen für die Anfertigung von Briketts. Außerdem wurde pro Grundstück eine vom Kohlenhändler eilig zusammengeschweißte Handpresse leihweise zur Verfügung gestellt. Alle waren erstaunt über die perfekte Vorbereitung.
Als bei Ilona vorm Grundstück vom Kohlenhändler die Knerpel vom LKW abgekippt wurden, es müssen fünf oder sechs Zentner gewesen sein, so genau weiß ich das heute auch nicht mehr, schaufelte ich ungefähr eine halben Zentner auf einen Haufen und versuchte mit der Schaufel die größeren Brocken zu zerkleinern. Drückte anschließend mit der Schaufel für das Wasser ein Loch hinein. Dann zog alles was Beine hatte, die Schuhe und Strümpfe aus. Nachdem die Frauen ihre langen Röcke etwas gelüpft hatten, dabei waren sie wegen der Männerblicke besorgt, ja nicht allzu großzügig zu sein, wurde in der so entstehenden Pampe wie besessen herumgetrampelt.
Immer schön im Kreis herum. Einer hinter dem anderen. „Ihr geht vor uns!“, meinte Ilona zu Horst und mir. Horst und Margit halfen uns bei dieser Aktion. Sie meinte darauf hin zu Ilona: „Mein Gott hab, dich nicht so, dir wir schon keiner etwas abgucken!“
Ab und zu schüttete ich Wasser in die Pampe. Alles was Beine hatte, vom Enkel bis zum Großvater war damals damit beschäftigt mit den nackten Füßen die großen Brocken auf Erbsengröße, so die Information, zu zerstampfen und in eine breiige Masse zu verwandeln. Es war nicht gerade ein herrliches Gefühl, wenn sich der schwarze Brei zwischen den Zehen festsetzte. Sofort wurde ich an die Zeit erinnert, als ich auf dem Hühnerhof zufällig ab und zu einmal in deren Abfallprodukte trat!
Ging man damals die Dorfstraße entlang und die Leute trampelten wie besessen vor ihrer Haustür in der schwarzen Pampe herum, fürwahr ein toller Anblick..... Nein – das ist kein Witz!
Einige Schlaue, die noch aus Friedenszeiten Gummistiefel besaßen und über die Hi..tlerzeit gerettet hatten, sie mussten ja auf Befehl der Front zur Verfügung gestellt werden, blieben damit in der Pampe stecken und gaben deshalb den Versuch bald auf. Es ging auch um die Zeit, sie saß uns ständig im Nacken. Wenn Regen aufkam, fiel die ganze Aktion buchstäblich ins Wasser. Der Liebe Gott hatte Mitleid mit uns, außerdem legte der Herr Pfarrer bei ihm ein gutes Wort für uns ein und hat es nicht regnen lassen.
Wie Ilona nach zehn Minuten aussah, trotz Kopftuch, ab und zu hatte sie sich ihr Haar aus dem Gesicht gestrichen, brauch ich wohl nicht erwähnen. Sie fragte mich öfter, ob sie schmutzig im Gesicht sei. „Nein“, log ich, „überhaupt nicht.... nur deine Beine sind schwarz wie ein Ofenrohr... bis oben hin!“ Dabei hatte ich große Mühe das Grinsen zu unterdrücken. „Hah, von wegen bis oben hin, das kannst du gar nicht sehen... außerdem sehen sie bestimmt nicht aus wie ein Ofenrohr!“, schimpfte sie.

Teil 45 folgt
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"Du mußt....
Leiden oder triumphieren,
Amboß oder Hammer sein."

(Johann Wolfgang von Goethe)
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Alt 25.01.2012, 17:17   #267
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Hallo Knut...,

vielen Dank für deine Einschätzung und für den Link "LeMo, das kollektive Gedächtnis"

mfg
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Alt 29.02.2012, 15:33   #268
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Kindheitserinnerungen...das neue Leben

Teil 45

Horst konnte sich das Lachen nicht verkneifen, während Margit schimpfte: „Fällt dir wirklich nichts Besseres ein.... Jetzt vergleichst du unsere Beine schon mit einem Ofenrohr... so eine Gemeinheit!“ Beim Trampeln in dem klebrigen, schwarzen Brei war ich nun auch noch in den bekannten Fettnapf getreten.
Zum Glück war Ilona an diesem Tage gut aufgelegt und nahm es mir nicht übel. „Ich weiß doch wie du das gemeint hast, außerdem hast du mir ja auch versprochen, mich nicht mehr zu ärgern!“, sagte sie zu mir.
Horst gab mir sofort Schützenhilfe und meinte: „Das ist nun mal bei euch Mädchen so, manche haben Beine wie Bohnenstangen so dünn und andere dicke Stampfer.“ entrüstet holte Margit tief Luft, „sag mal“.... das Donnerwetter ahnend, unterbrach Horst sie sofort und betonte, dass es für sie beide ja nicht zuträfe. „Eure sind gerade richtig“, meinte er entschuldigend, womit er ja auch Recht hatte. „Hörst du das, Ilona“, sagte Margit, „jetzt wollen sie sich wieder einkratzen!“
Natürlich musste sie ihren Senf dazugeben und fing an über unsere Beine zu lästern. „Wenn man euch beim Fußballspielen zusieht, kann man sich ja auch amüsieren. Einige von euch haben Kackstelzen anstatt Beine, von dem Hintern in der Hose, wenn er schon vorhanden ist, ganz zu schweigen!“
So ging das hin und her. Das Gute an der Blödelei war, dass so ganz nebenbei die Kohlenpampe ordentlich zu Brei gestampft wurde. Diese Art der Unterhaltung trug wenigstens dazu bei, die aufkommende Langweile zu überwinden.
Für mich war wichtig, die Konsistenz des Breies richtig hinzubekommen. War sie zu dünn, ließ sich kein Brikett formen, der Brei hielt nicht in der Form. War sie zu dick, zerfiel das Brikett, nachdem es aus der Form gedrückt wurde. Ein reines Geduldsspiel, so ähnlich wie beim Maurer, wenn der aus Wasser, Zement und Sand Mörtel zubereitet. Entweder Knerpel oder Wasser zugeben und dann wieder barfuß rein in das Vergnügen. Nach ein paar Fehlversuchen hatte ich den Bogen jedenfalls raus, d.h. wir hatten den Bogen raus, da über die Menge der Zugaben anfangs heftig gestritten wurde.
Nach vier oder fünf Versuchen war es soweit. Nachdem ich die langstielige Kohlenpresse am Quersteg beidhändig mit aller Wut und Wucht in den Pampe gedrückt, sie vorsichtig angehoben und den Hebel nach unten bewegt hatte, lag vor mir ein scharfkantiges Brikett, etwas größer als ein Mauerstein !
Mich beschlich ein Gefühl wie früher als mir in der Sandkiste die erste Torte gelungen war. Im ersten Moment herrschte ringsum großes Schweigen. Nur Nachbars Lumpi bellte. Wir hatten schon Angst das Kunststück könnte dadurch zerfallen. Nichts dergleichen. Deutlich war die Struktur zu erkennen. Erbsengroße Pellets wurden durch eine unsichtbare Kraft zusammengehalten. Dann brach es aus uns heraus, ein Indianergeschrei zerriss die Stille! Winnetou und Old Shatterhand wären erblasst vor Neid.
Ilona ließ alle Scheu fallen, sprang mich an, drückte mich vor Freude und flüsterte mir dabei einige schmeichelhafte Worte ins Ohr, während ich bemüht war das Gleichgewicht zu halten...Was doch ein Kohlenstein alles bewirken kann, ging es mir dabei durch den Kopf! Anschließend sahen wir beide aus, als ob wir uns in der Pampe herumgekullert hätten. Horst meinte lachend zu Ilona: „Lass’en ganz, lass’en ganz, den brauchen wir heute noch!...
Ilonas Mutti und die Hauswirtin wurden durch das Geschreie angelockt, sie hatten sich abgesetzt, um das Mittagessen vorzubereiten. Sie starrten den Kohlenstein an, als ob es ein Barren Gold wäre. Sie dachten bestimmt an den letzten Winter und an den Ärger, den es mit den Knerpeln gegeben hatte.
Während wir uns im Hof unter der Wasserpumpe schnell die Hände und Füße oberflächlich wuschen, kam Ilonas Mutti mit einem großen Topf Wirsingkohlsuppe aus der Küche. Ilona und Margit flitzten los und holten Löffel und Teller.
Wir saßen mit dem Teller auf dem Schoß auf einer noch sauberen Rasenfläche und ließen uns die Suppe schmecken. Die Stille wurde jetzt nur noch vom Klappern der Löffel unterbrochen. Die Hauswirtin hatte jeden von uns zusätzlich eine Fettbemme geschmiert, die wir nebenbei mit verdrückten.
Der Erfolg bei der Arbeit und die Freude darüber, beflügelten mich so schnell wie möglich weiterzumachen. Meiner Meinung nach hatten wir am Anfang durch das notwendige Ausprobieren zu viel Zeit verloren, die wollte ich wieder rausholen.
Margit hatte mich wieder einmal ins Visier genommen und meinte zu mir: „Mein Gott, du schlingst die Suppe runter wie Nachbars Lumpi, der nur einmal am Tag etwas zu essen bekommt...Iss langsam, es niemand dir niemand weg!“
Ilona saß neben mir, schaute mich an und hielt den Zeigefinger vor ihren Mund. Ich verstand diese Geste. Inzwischen wusste ich, dass Margit sich mächtig ärgert, wenn man manche ihrer Bemerkungen einfach überhörte.
Leise sagte Ilona zu mir: „Wir sind schon den ganzen Tag zusammen und haben von uns noch gar nichts gehabt!“ Ich versuchte sie zu beruhigen und erklärte ihr, dass sich schon noch eine Gelegenheit finden werde.
Margit hatte noch nicht aufgegeben, verärgert schoss sie ihren nächsten Pfeil ab: „Hallo“, rief sie laut, „hier wird nicht getuschelt!“
Zum Glück erschien Ilonas Mutti, sah, dass wir mit essen fertig waren und sammelte die Teller ein. Die Mädchen erhoben sich und verschwanden in Richtung Toilette. Margit kramte dabei umständlich in ihrer Tasche und borgte sich von Horst das Feuerzeug!
„Mein Gott“, sagte ich zu Horst, „ihr mit eurer elenden Qualmerei!“ Er schaute mich an und sagte: „ Wieso ‚ihr’?, du irrst dich...ich rauche nicht mehr!..Der Trainer hat mich schon gefragt was mit mir los sei, warum ich nicht mehr so gut in Form sei und keine Tore mehr geschossen habe“....Horst kam etwas näher an mich heran, überzeugte sich kurz, ob die Luft rein sei und offenbarte mir, dass er seit einiger Zeit beim Fußballspielen ab und zu Schmerzen in der Brust spüre und Probleme beim Atmen habe. Ich solle ihn beim Trainer nicht verraten, der wisse nichts davon.
Erschrocken schaute ich Horst an und schimpfte: „Was heißt verraten? Du sagst es ihm selber...wenn die Schmerzen nicht nachlassen!.. Er wird dich schon zum Sportarzt scheuchen!“ Bevor Horst etwas darauf erwidern konnte, fuhr ich fort, „jetzt ist mir alles klar, ich habe mich schon gewundert, wie du neuerdings zum Kopfball gehst!...Früher bist du höher als der Torwart gesprungen.... Jetzt springst du, als ob du einen Amboss am Bein hast!“
Beleidigt meinte er, dass ich bitte nicht übertreiben solle. „Entschuldige“, sagte ich zu ihm, „du weißt ja wie ich es meine!... Vor allem musst du endlich aufhören zu rauchen.... Ich habe es ja auch geschafft!“....
Er unterbrach mich und meinte, dass er sich durch Margit immer wieder dazu verleiden lasse. „Margit.....Margit“, sagte ich zu ihm, „du bist für dich selbst verantwortlich....überleg doch mal, in jeder Zeitung und in jeder Wochenschau wird vor der gefährlichen Lungen-Tbc gewarnt, die jetzt um sich greift ....
Wir sind noch nicht einmal erwachsen und qualmen wie die Schlote...das kann doch nicht normal sein!...Allein schon unserer Sport ist bei dieser miesen Ernährung für unsere ausgehungernden Körper eine große Belastung!“
Horst schaute mich hilflos an, sodass ich den Eindruck bekam, dass wirklich etwas Ernsthaftes vorliegen müsse.
Das quietschende Geräusch der Gartentür drang an mein Ohr, somit stand fest, dass man anschließend, um nicht entdeckt zu werden, im Garten heimlich geraucht hatte. Kichernd näherten sich Ilona und Margit, schnell sagte ich zu Horst: „Denke daran worüber wir gesprochen haben und bleibe bei deinem Entschluss!“ Horst nickte nachdenklich, sodass ich entnehmen konnte, dass er begriffen hatte, worum es ging.
Bevor noch jemand anfing herumzuflachsen, was ja wieder ein Zeitverzug gewesen wäre, übernahm ich sofort das Kommando.
„Hört zu, ihr zwei Hübschen“, sagte ich zu Ilona und Margit, „ich lege mit der Presse die Kohlensteine auf den zwei schmalen und kurzen Brettern ab und ihr tragt sie in den Vorgarten und schiebt sie ganz vorsichtig vom Brett, das müsste klappen!“ Horst sollte mir mit der Schaufel den schwarzen Brei in der entsprechenden Höhe etwas festklopfen.
Während ich mich mit der Presse austobte, transportierten die anderen, einschließlich Ilonas Mutti und die Hauswirtin, die kamen etwas später dazu, die Kohlensteine vorsichtig in den Vorgarten und legten sie zum Trocknen ab.
Mir ist heute noch ein Rätsel, wieso die Rohkohle nur mit Wasser vermischt, eine derartige Festigkeit aufwies, dass sie sich später, als sie ausgetrocknet war, bei Notwendigkeit ziemlich schwer zerstückeln ließ. Selbstverständlich musste man mit der Presse auch einen bestimmten Druck ausüben. Welchen Druck kann ein Vierzehnjähriger und bei der damaligen Schonkost schon ausüben? Die Erfahrungen des letzten Winters, die Frostbeulen, der qualmende Ofen, die stickige und übel riechende Luft, die sich dabei in der ganzen Wohnung verbreitete und einem dem Atem nahm, trugen dazu bei, die Qualen auf sich zu nehmen.
Die Handhabung der Kohlenpresse war für Horst und mich schon ein Kraftakt. Taten uns Schultern und Arme weh, lösten wir uns ab. Genau so wie ich, rammte Horst mit geballter Kraft die Kohlenpresse in den zähen Brei. Ilona und ihre Mutti wären dazu nie in der Lage gewesen. Mühsam ging es voran. Zäh und verbissen arbeiteten wir uns durch den Kohlenhaufen. Langsam taten uns vom vielen Treten die Füße weh.
Ausgerichtet wie Soldaten beim Ausgangsappell, bedeckten die Kohlensteine bereits den halben Vorgarten. Zum Schluss blieb nur noch der kleine Kohlenhaufen der Hauswirtin übrig. Ihr stand ja weniger Rohkohle zu als Ilona und ihrer Mutti. Nun hatten wir bereits die nötige Erfahrung. Ehe wir richtig angefangen hatten, waren wir auch schon wieder fertig!
Die Hauswirtin ließ sich nicht lumpen, sie drückte zum Schluss jeden von uns noch zwei Mark in die Hand! Sie war heil froh über unsere Hilfsbereitschaft. Erst wollten wir das Geld nicht annehmen, wir hatten ja alle das Buch „Timur und sein Trupp“ gelesen und in der Schule besprochen. Aber bevor wir uns schlagen ließen! Außerdem hätte sie sich über uns geärgert. Das konnten wir ihr nicht antun.
Vielen wird der Titel des Buches nichts sagen. In diesem Roman geht es um die Hilfsbereitschaft junger russischer Menschen während des Großen Vaterländischen Krieges gegenüber Witwen und Soldatenfamilien. Wen es interessieren sollte, den Titel bei Wikipedia eingeben, dort kann man einiges darüber lesen.
Während unserer Kohlenaktion wurden wir, wie sollte es anders sein, von der Nachbarin, einschließlich ihrer Katzen, neugierig beäugt. Sie verfolgte jede unserer Handlungen. Nicht heimlich, sondern ganz offen. Mit einer ihrer Lieblingskatze auf dem Arm hatte sie sich auf dem Fußweg postiert und unterhielt sich mit ihr. Und erzählte ihr auch, dass sie das nicht nötig hätten, da sie für den kommenden Winter ordentliche Kohle bekämen, richtige Steinkohle und sogar Briketts und müssten deshalb nicht frieren. „Guck mal“, meinte sie zu ihrem verwöhnten Kater, „wie schmutzig hier alles ist, den schönen Rasen so zu versauen!“
Horst kam näher an mich heran fragte leise: „Sag mal, ist die Alte blöd...ist die gegen den Briefkasten gerannt?.. Die ist doch reif für die Klapsmühle!... Wenn die weiter solch einen Unsinn erzählt, stülpe ich der Katze die Kohlenpresse über das Fell!“ ....Ilona mischte sich ein und meinte, dass ihre Nachbarin schon immer so komisch sei, vor allem schrecklich neugierig, aber ihre Katzen wirklich nichts dafür könnten.
Endlich war es geschafft. Der letzte Rest der Kohlenpampe war zusammengekratzt worden und hatte sich in die letzten Briketts verwandelt. Stolz standen wir davor und betrachteten sie wie frischgelegte Hühnereier.
Ilona stand direkt neben mir, schmiegte sich an mich, sah mich liebevoll an und sagte: „Das kann ich doch gar nicht wieder gut machen... das hätte ich mit meiner Mutti nie geschafft!“ Ich erklärte ihr, dass es immer zum Vorteil sei, wenn man echte Freunde habe.
„Na ja, so einfach kommst du mir nicht davon“, sagte ich etwas scherzhaft zu ihr, „du musst jedes einzelne Brikett bei mir abarbeiten!“ Sie schaute mich mit großen Augen an, „bei dir abarbeiten...jedes einzelne Brikett?“, fragte sie schalkhaft und lachte hinterhältig. „Warte ab, mein Freund... das kannst du haben!“ Da ich nicht wusste was sie im Schilde führte und mich bedrängte, befreite ich mich von ihr und rannte in Richtung Hof davon. Unter dem Gejohle der anderen verfolgte sie mich. Weit kam ich nicht. Vor den Augen aller Anwesenden verpasste sie mir, etwas seitlich am Halse - einen satten Knutschfleck! „So“, sagte sie und lachte, „das müsste reichen als Anzahlung!“
Verschmitzt schaute sie dabei zur Nachbarin hinüber, die ließ vor Schreck ihren Lieblingskater fallen und bekam ihre mit einem fussligen, grauen Damenbart umrahmte große Klappe nicht wieder zu. Verständnislos schüttelte sie mit dem Kopf und verzog sich endlich mit ihren verwöhnten Katzen.
Als das Gejohle nachgelassen hatte, meinte Margit zu Ilona: „Ich staune über deine Fortschritte...Vor einem halben Jahr hast du noch Angst vor Jungs gehabt.... Langsam mache ich mir Sorgen!“ Horst gab auch noch seinen Dreier dazu und meinte: „Bei der Pflege, die sie jetzt hat, ist das wirklich kein Wunder!...Da muss erst ein Fußballer kommen und sie in die Mangel nehmen!“
Ilona stand indessen wieder zwischen uns, schaute hilflos um sich, sah mich verlegen an und zuckte leicht mit den Schultern. Ilona und ihre Verlegenheit, für mich stets der schönste Anblick, so dass ich auch noch auf meine Kosten kam an diesem anstrengenden Tage.
Jetzt musste nur noch aufgeräumt werden. Wüst sah es natürlich aus, vor allem direkt vorm Haus. Die ständige Lauferei zwischen Vorgarten, Hof und Kohlenplatz hatten ihre Spuren hinterlassen. Ilonas Mutti meinte, dass jetzt kehren keinen Zweck habe, es würde nur verschmiert werden und anschließend noch viel schlimmer aussehen. „Wir lassen es über Nacht trocken werden und kehren morgen ein paar Mal drüber... das ist sinnvoller.“
Der letzte Akt der Tragödie nahte. Hatten wir uns anfangs amüsiert, weil der eine oder andere sich etwas vollgeschmiert hatte, sahen wir jetzt durch den Eifer des Gefechtes alle aus wie Frischlinge, die sich in einer Suhle gewälzt hatten. Mich hatte es am schlimmsten erwischt. Der Übergang von der Badehose zum Oberkörper war kaum noch auszumachen. Wie unsere Beine aussahen lässt sich denken. Man muss sich das einmal vorstellen, wir hatten den ganzen lieben langen Tag mit kurzen Unterbrechungen in dem schwarzen Brei herumgewühlt, das hinterlässt natürlich Spuren.
Ilona hatte nun endlich Zeit, mich von unten bis oben richtig anzuschauen. Sie stand vor mir, schüttelte mit dem Kopf und konnte sich ein Grinsen kaum verkneifen. „Mein Gott“, meinte sie, „du siehst aber auch aus!“
Im Hof stand leicht abgedeckt unter dem Ablauf der Dachrinne eine große lange Badewanne voller Regenwasser. Weil es besonders weich ist, wird es auf dem Lande gewöhnlich für die Große Wäsche genutzt. Ilonas Mutti meinte zu Horst und mir: „Da könnt ihr beide reinsteigen und euch ordentlich waschen...bis zur nächsten Wäsche ist die Wanne bestimmt wieder vollgelaufen!“ Das ließen wir uns natürlich nicht zweimal sagen.
Unter der Wasserpumpe reinigten aber erst einmal alle ihre Füße. Horst und ich pumpten abwechselnd. Als wir uns mittags die Hände oberflächlich gewaschen hatten, stellten wir bereits fest, dass der schwarze Dreck verdammt zäh war und schwierig abging.
Jetzt half nur kräftiges Schrubben. Mit Hilfe von Handwaschbürsten, Kernseife und Ata, bekamen wir das einigermaßen in den Griff. Anschließend sahen unsere Beine nicht mehr schwarz aus, sie hatten sich vom vielen Schrubben leicht gerötet. Das Ganze verlief natürlich nicht gerade ruhig ab.

Teil 46 folgt
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Alt 31.03.2012, 14:36   #269
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Kindheitserinnerungen......das neue Leben

Teil 46

Inzwischen war es Abend geworden. Margit und Horst setzten sich zuerst ab. „Wir haben noch etwas Wichtiges vor“, meinte Horst und zwinkerte mir dabei zu. „Wir auch“, meinte Ilona zu ihm und sah mich dabei vielsagend an. Unsere zwei Experten schwangen sich auf ihre Räder und verschwanden in Richtung Schrebergärten.
Die haben Mut, ging es mir durch den Kopf. Mir taten bereits alle Knochen weh, ich wollte so schnell wie möglich nach Hause. Wie mir schien, war Ilona heute voller Tatendrang.
Sie kam mit ihrer Toilettentasche winkend auf mich zu, drückte mir den Taschenspiegel in die Hand und sagte: „Schau dich mal an, mein Schatz!“ Im ersten Moment wusste ich überhaupt nicht, was sie von mir wollte. Als ich in den Spiegel blickte, wusste ich Bescheid - der Knutschfleck! Nun konnte ich mir das unverschämte Grinsen der anderen erklären. „Ja, ja“ ,meinte Ilona, „das kommt davon.... frech werden lohnt sich nicht!“
„Sei unbesorgt“, meinte sie zu mir, „das krieg ich schon wieder hin.... Ich weiß auch nicht, so toll hab ich mich doch gar nicht angestrengt!.. Zum Glück haben wir Ferien...glaub mir, die anderen kriegen das bestimmt nicht mit.“ Sie lachte und sagte: „Stell dir vor, morgen wäre Unterricht.... das Getratsche, nicht auszudenken!“.. Als sie meinen bösen Blick mitbekam, meinte sie: „Dann wäre ich auch viel vernünftiger gewesen und es wäre bestimmt nicht so weit gekommen... Mir war eben auf einmal so!“
Sie hantierte so geschickt mit Hautkrem, Gesichts-Puder und Pinsel an meinem Hals, so dass anschließend kaum etwas zu sehen war. „Du hast ja einen tollen Salbenkoffer, der von einem Medizinmann aus dem Stamme der Appachen ist nichts dagegen“, sagte ich zu ihr, als ich mitbekam, was sie alles hervorzauberte. „Erstens“, dabei dozierte sie wie eine Oberlehrerin, „ist das ist kein Salbenkoffer, sondern ein Kosmetikkoffer...zweitens, ist der nicht für dich gedacht, mein Schatz...der Inhalt ist streng geheim und drittens....Jungs haben da drin überhaupt nichts zu suchen!“ Sie ließ mich gar nicht zu Wort kommen, wechselte schnell das Thema und meinte: „Ich habe mir die größte Mühe gegeben, deine Mutter wird bestimmt nichts merken.“
„Du kennst sie noch lange nicht“, entgegnete ich. Dabei dachte ich vor allem an Ursula, die mich heute Abend bestimmt wieder abpassen würde.
Die einmalige Chance ausnutzend, wann steht man sich schon so nahe, drückte ich bei der Verarztung Ilona ein paar Mal an mich. „Nicht doch“, protestierte sie leise, „wir werden bestimmt beobachtet..... du nutzt aber wirklich jede Gelegenheit aus...du bist ein ganz Schlimmer!....Dann wunderst du dich, wenn ich auch einmal frech werde.“..... Eigenartig fand ich nur, dass sie sich trotz des Protestes kaum wehrte.
Inzwischen war alles gesagt und getan, Ilonas Mutti hatte sich noch einmal bei mir bedankt und ich verabschiedete mich von ihr. Ilona jagte mir kurz einen Schreck ein, als sie meinte: „Du musst dir unbedingt noch einmal mein Fahrrad anschauen, die Handbremse funktioniert nicht richtig!“ Auch noch die Handbremse, ging es mir durch den Kopf. Da ich die beiden eingeschärft hatte, niemals wieder mit kaputter Handbremse zu fahren, musste ich sofort handeln. Bei einer so großen Tour, die wir hinter uns hatten, konnte das schon möglich sein.
Der Dorfsheriff hatte uns besonders in sein Herz geschlossen. Bei jeder sich bietenden Gelegenheit kontrollierte er unsere Fahrräder. Waren wir erst einmal aufgefallen, hatten wir keine Ruhe mehr vor ihm. All weitern Vorhaben (meistens Unsinn) waren stark gefährdet. Deshalb war es besser für uns, die Fahrräder in Ordnung zu halten und mit der Staatsmacht nicht anzuecken. Mich betraf diese Eigenschaft des Dorfpolizisten besonders, da sich alle auf mich verließen und mir mit ihren kaputten Rädern oft auf den Geist gingen. Es siegte aber immer wieder mein besonderes Interesse an dieser Bastelei.
Ilona kannte diese Neigung und hatte sie an diesem Tage ausgenutzt. Naiv wie ich manchmal bin, habe ich ihr wirklich geglaubt. Kam standen wir im Schuppen vor ihrem Fahrrad, stellte sie sich in den Rahmen, sie wirkte dann etwas größer, schmiegte sich an mich und flüsterte: „reingefallen!.....reingefallen!“.... Diesmal ging die Sache aber ohne Knutschfleck aus. Im totem Winkel des Hoftores wurde die Verabschiedung fortgesetzt und wie gewohnt abgeschlossen.
Endlich saß ich auf meinem Rad und bretterte mit letzter Kraft die Hauptstraße entlang. Als ich in unsere Straße einbog und Sicht auf unser Haus hatte, war ich froh, dass Ursel nicht wie sonst üblich am Vorgarten auf mich lauerte. Welche Freude! Ich schlich mich in den Stall und stellte behutsam, jedes unnötige Geräusch vermeidend, mein Fahrrad ab.
Bereits im Treppenhaus begegnete ich meine Mutter. Sie machte auf mich einen ungewohnten Eindruck. Irgend etwas musste geschehen sein. Mich beschlich ein unruhiges Gefühl. „Es ist etwas ganz Schreckliches passiert“, meinte sie, „heute Mittag ist Ursels Vati gestorben!“
Während wir den lieben langen Tag verbissen mit der Kohle gekämpft haben, hat der gute Mann mit letzter Kraft vergebens um sein Leben gekämpft!
Als gesunder, kräftiger junger Mann für die Sucht und Gier nach Profit anderer missbraucht, zum Glück überlebt, war er als Krüppel aus russischer Kriegsgefangenschaft zurückgekehrt! Seine Worte, die Russen hätten ihn zum Sterben nach Hause geschickt, hatten sich bestätigt. Im Herbst wäre er vierzig Jahre alt geworden. Was hatte dieser Mensch vom Leben überhaupt gehabt?
Im Bett lag ich noch lange wach. Das bittere Schicksal Klein-Ernas und Ilonas fiel mir wieder ein. Ralfs Tot hatte mich besonders hart getroffen. Und nun hatten wieder Kinder durch den Krieg ihren Vater verloren. Dieses Elend wollte einfach nicht aufhören, auch zwei Jahre nach dem Krieg noch nicht.
An diesem Abend dachte ich vor dem Einschlafen hauptsächlich an Ursula. Was sollte ich ihr sagen, sie tat mir ja so leid. Wie sollte ich mich ihr gegenüber verhalten, ohne ihr weh zu tun? Obwohl ich ihr eindeutig gesagt hatte, dass ich mich für Ilona und nicht für sie interessiere, hatte sie mich noch nicht auf gegeben!...Echte Teenagerprobleme, nicht so knapp und verdammt kompliziert! Irgendwann bin ich dann doch noch eingeschlafen.
Diesmal habe ich das erste Mal wieder nach langer Zeit durchgeschlafen, ohne den verbitternden Streit und ohne aufschreiende Albträume aus der Wohnung über uns - welch eine Ironie!
Der diensthabende Hahn nahm auf mich natürlich keine Rücksicht. Voller Inbrunst machte er an diesem Morgen durch sein sagenhaftes Krähen auf sich aufmerksam. Da ich mein Luftgewehr noch vor dem Umzug an Rudi verschachert hatte, konnte ich ihn noch nicht einmal eine aufbrennen!
Mit einem eleganten Sprung aus dem Bett wollte ich in die Hocke gehen und wie gewöhnlich meine Liegestütze absolvieren. Vom Trainer waren täglich mindestens zehn Stück gefordert, es durften auch mehr sein, wie er meinte! Noch nicht einmal der Sprung gelang, an Eleganz war gar nicht zu denken! Schmerzverzerrt lag ich am Boden – Muskelkater! Vom Brustkorb angefangen, über die Oberarme bis zu den Waden war alles verspannt und schmerzte erbarmungslos!
Meine Mutter kam dazu, bog sich vor Lachen und fragte, was denn mit mir los sei. Nachdem ich mich umständlich und jammernd aufgerappelt hatte, schaute sie mich an, den Blick auf meinen Hals gerichtet fragte sie: „Hat dich gestern eine Mücke gestochen?“. Total verlegen sagte ich: „Nee, Mama, das muss wohl eine Wespe oder Biene gewesen sein!“ Sie konnte ihr Grinsen nicht unterdrücken und entgegnete: „Eher eine Biene... mit langem Haar und zwei Beinen!“... Von wegen meine Mutter merkt nichts. Da hilft der modernste Kosmetikkoffer nichts!
Der heutige Tag war so gut wie ausgeplant. Während des Frühstücks berichtete ich meiner Mutter erst einmal über die Kohlenaktion. Da wir am anderen Ende des Dorfes wohnten, wurden wir zuletzt beliefert. Es war demnach noch genügend Zeit vorhanden. Wichtig war, ich konnte wichtige Erfahrungen sammeln, sodass ich vollkommen entspannt und beruhigt dieser Aktion entgegensehen sehen konnte.
Nach wie vor belastete mich das Problem mit Ursula. Als meine Mutter jedoch nebenbei erwähnte, dass Ursula bereits gestern für die nächsten vierzehn Tage zu ihrer Tante gebracht wurde, die irgendwo auf einem noch kleineren Mokchen wohnte, fiel mir ein gewaltiger Stein vom Herzen. Jetzt hatte ich wenigstens in dieser Hinsicht den Rücken etwas frei.
Am Nachmittag war ich mit Ilona verabredet. Bis dahin hatte ich noch einiges zu tun. Weil ich auf keinem Fall meine Mutter verärgern wollte, sie sah mich ja kaum noch, machte ich mich erst einmal nützlich. Der Muskelkater war dabei verdammt hartnäckig. Es half nichts, da musste ich durch.
Gleich nach dem Mittagessen schwang ich mich auf das Fahrrad und raste los. Mich interessierten natürlich die Kohlensteine. Wie haben sie die Nacht überstanden? Sind sie vielleicht zerfallen? Oder sind sie sogar schon trocken? Als ich bei Ilona ankam, bin ich sofort der Sache nachgegangen, ohne erst in die Wohnung zu gehen. Weil die Kohlensteine nicht mehr rabenschwarz sondern dunkelgrau aussahen, bekam ich im ersten Moment einen gewaltigen Schreck. Als ich den ersten Stein in der Hand hielt, begriff ich warum. Alle Kohlensteine waren ordentlich fest, fast trocken und hatten dadurch auch ihre Farbe verändert. Welch eine Freude, die Mühe hatte sich gelohnt.
Plötzlich hörte ich hinter mir eine bekannte Stimme: „Sag mal, bist du schon lange hier?“, erschrocken drehte ich mich um. Aus einem hoch gebundenen Kopftuch schauten zwei Augen auf mich. Alles andere war in eine lange Schürze gewickelt. „Da staunst du, nicht wahr?“, sagte Ilona. Die Straße und der Hof waren gekehrt und jetzt waren sie gerade mit dem Schuppen fertig geworden. Sie hatten ihn gereinigt und aufgeräumt, hatten Platz für die Kohlen geschaffen. Nur der Rasen hinterließ noch einen traurigen Eindruck.
Da ich annahm, beobachtet zu werden, sagte ich zu Ilona, etwas lauter als üblich: „Wenn eure liebe Nachbarin sich aufregen sollte“, dabei zog ich das Wort liebe etwas in die Länge, „bestellst du ihr von mir einen netten Gruß und sagst, wir hätten vor den Rasen noch zu streichen...es fehle nur noch die Farbe, die sei aber bereits auf dem Schwarzen Markt bestellt!“
Ilona lachte und meinte ich solle ihre Nachbarin nicht auf den Arm nehmen. Ich unterbrach sie und sagte: „Um Gottes Willen, auf den Arm nehmen, das fehlt gerade noch!“ Ilona schaute mich verschmitzt an und fragte. „Du bist heute besonders gut drauf, was?... Ich habe dir doch schon einmal gesagt, dass dich unsere Nachbarin in ihr Herz geschlossen hat, weil du so ein ordentlicher Kerl bist, wie sie sich meiner Mutti gegenüber geäußert hat.... du solltest es nicht mit ihr verderben!“
Ilona schaute mich von unten bis oben an und fragte besorgt: „Du gehst so komisch, ist dir etwas passiert?... Tut dir etwas weh? .... Mach dir nichts daraus, mir tut auch alles weh.“
So ein Pech, konstatierte ich. Sie sollte von meinem Muskelkater nichts merken. So war sie eben. Ihr entging nichts, ich konnte mich verstellen wie ich wollte. Sie war genau so besorgt um mich, wie Klein-Erna damals, als ich mir in der Flak-Feuerstellung durch puren Leichtsinn den rechten Unterarm gebrochen hatte.
Hatten wir ein Heimspiel, stellte sich Ilona in der ersten Zeit mit Margit hinter meinem Tor auf. Wurde ich ihrer Meinung nach von den gegnerischen Spielern zu hart angegangen, motzten beide los wie verrückt. Dieses Verhalten passte mir überhaupt nicht. Nur gut, dass ungefähr vier Meter außerhalb des Spielfeldes Palisaden errichtet waren, sonst wären die beiden vielleicht wütend auf den Platz gerannt.
Weil mir Ilona mit ihren Röntgenblicken während des Spieles so langsam auf den Geist ging, hatte ich mir heimlich Margit gegriffen und sie davon überzeugt, sich in Zukunft mit Ilona hinter das Gästetor zu stellen und Horst anzufeuern, anstatt mich zu nerven. Er fungierte ja als Mittelstürmer und schoss die Tore, Von da an hatte ich einigermaßen Ruhe und fühlte mich nicht so beobachtet.
Jetzt standen wir vor unseren Kohlen und betrachteten sie voller Stolz. „Die Mutti meint, wir könnten sie morgen in den Schuppen schaffen, da wären sie bestimmt schon trocken.“ Ich nahm einen Kohlenstein in die Hand, der sich durch seine hellgrau Farbe von den anderen besonders unterschied und fast trocken war und sagte zu Ilona; „Was hältst du davon, wenn wir den heute noch ausprobieren.“
Sie zog mich an den Händen fort, „komm“, sagte sie, „jetzt zeig ich dir erst einmal wie fleißig wir heute schon waren... Ich habe nämlich mit Mutti den Kohlenschuppen aufgeräumt!“ Dort angekommen, wand sie sich etwas umständlich aus ihrer Schürze, legte das schreckliche Kopftuch ab, schüttelte ihr langes Haar durch und sagte: „Und jetzt, mein Schatz, muss ich dich erst einmal drücken!“
Bei dieser Gelegenheit lobte ich noch einmal ihre besondere Mühe und ihren tollen Kosmetikkoffer und erklärte ihr, dass sie von nun an eine Biene mit langem Haar und zwei Beinen sei! Sie lachte laut, hob die linke! Hand zum Schwur(mir nachgemacht!) und sagte: „Hiermit verspreche ich feierlich, dir nie wieder einen Knutschfleck zu verpassen!“ Anschließend mussten wir beide laut und albern darüber lachen.
Von der Hauptstraße her näherten sich tuckernde Geräusche. Der Kohlenhändler kam mit der nächsten Fuhre Rohbraunkohle an, bog in die Siedlungsstraße ein und hielt direkt vor Ilonas Haus. Als das Hoftor knarrte, meinte sie erschrocken: „Hörst du das?, da kommt jemand!“
„ Na, ihr zwei Hübschen“, meinte der Fahrer zu uns, als wir auf dem Hofe standen, „ich will nur die Kohlenpresse mitnehmen... übrigens, die Kohlensteine sind euch gut gelungen, die könnt ihr bald reinnehmen, ein saubere Arbeit... da habt ihr bestimmt eure Freude dran!“....Die Kohlenpresse hatte ich gestern noch unter der Wasserpumpe schnell gereinigt und daneben zum Trocknen abgestellt. Der Fahrer nahm sie auf und verabschiedete sich.
„So, mein Schatz, jetzt können wir die Kohlensteine ausprobieren, Mutti ist sowieso gespannt wie ein Regenschirm“, meinte sie zu mir. Wenige Augenblicke später hielt Ilonas Mutti einen Kohlenstein in ihren Händen, begutachtet ihn und sagte: „Wunderbar, der kommt wie gerufen.....Das muss gefeiert werden!... Mit Sekt können wir zwar nicht anstoßen....aber für eine Tasse Bohnenkaffee reicht es!“
So ganz nebenbei erklärte mir Ilona freundesstrahlend, dass wieder ein Paket von „drüben“ angekommen sei, deshalb der Bohnenkaffee, den gab es damals in keinen normalen Geschäft, nur auf dem Schwarzmarkt.
Das Feuer im Küchenofen hatte man ausgehen lassen, nach wie vor musste mit Brennmaterial gespart werden. Einem Ritual gleich wurde ausnahmsweise ein neues angeblasen. Alle drei hockten wir spannungsgeladen wie die ersten Sammler und Jäger vor der Feuerluke. Was soll ich sagen, die Mühe hat sich gelohnt - der erste handgepresste Braunkohlenstein nach dem Krieg hat östlich der Saale mit Bravour seine Feuerprobe bestanden.... Ich weiß, Eigenlob stinkt!
Als der Kochkessel pfiff, brühte Ilonas Mutti frischen, echten Kaffee auf. Der Duft der weiten Welt, der brasilianischen Kaffeeplantagen, vor allem der würzige Duft der Hamburger Kaffeeröstereien, erfüllte den Raum. Ilona saß neben mir, drückte meine Hand, presste meinen Arm an sich und flüsterte mir leise ins Ohr: „Weißt du mein Schatz, dass ich heute sehr, sehr glücklich bin!“
Irgendwann hatte mich an diesem Nachmittag Ilonas Mutti zur Seite genommen und mich gefragt, ob es denn stimme, was sich die Leute im Dorf über Ursulas Vati erzählen. Da Ilona plötzlich dazukam, konnte ich nur zustimmend nicken. Mit ihr ein Gespräch über ihren Vati zu führen, der in Stalingrad gefallen war oder sie an ihn zu erinnern, war nicht immer angebracht. Jetzt wusste ich, dass ich mich richtig verhalten hatte.
Erst vor kurzem hatte sie in einem ähnlichen Gespräch das seelische Gleichgewicht verloren und bitterlich geweint. Weil ich nicht wusste, wie sie es aufnehmen würde, hatte ich mich mit dieser schrecklichen Nachricht zurückgehalten.
Typisch war: Erst gestern war Ursulas Vati gestorben, so schnell ging ein Information von einem Dorfende zum anderen, ohne Internet und Telefon! Bei dieser Nachbarin war das kein Wunder!

Teil 47 folgt
__________________
"Du mußt....
Leiden oder triumphieren,
Amboß oder Hammer sein."

(Johann Wolfgang von Goethe)
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Alt 01.05.2012, 13:58   #270
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Kindheitserinnerungen....das neue Leben


Teil 47

Während des Kaffeetrinkens einigte man sich darauf, morgen die Kohlensteine einzulagern. Ilona himmelte mich an: „Wenn du mir dabei hilfst sind wir eher fertig und können anschließend vielleicht noch etwas unternehmen, schließlich haben wir Ferien!...“ Ilonas Mutti war nicht ganz einverstanden und protestierte: „Denke daran Ilona, dein Freund hat zu Hause auch noch etwas zu tun, ich will nicht, dass er noch Ärger bekommt... Er hat uns schon genug geholfen!...“
Ilona, raffiniert wie sie manchmal war, hatte, obwohl sie sich mit ihrer Mutti unterhielt, unterm Tisch mit ihrer Fußspitze mehrmals vorsichtig mein Schienbein gestreift. Gleichbedeutend mit der Aufforderung auch etwas dazu zu sagen. Nachdem ich ihrer Mutti daraufhin erklärte, dass ich nur aus dem Haus ginge, wenn alles erledigt und in Ordnung sei, meine Mutter war ja weit weg und konnte nicht widersprechen, vielleicht hätte sie sich vor Lachen auch gekrümmt, meinte Ilona zu ihrer Mutti: „Ist das nicht ein folgsamer und fleißiger, netter Junge...?. Sieh ihn dir doch an....die reine Unschuld vom Lande!...“
Nun wurde ich auch noch auf den Arm genommen. Von wegen, die Unschuld vom Lande, darüber war noch nicht das letzte Wort gesprochen.
Die Wahrheit ist, dass mich meine Mutter in der ersten Zeit mit Hausarbeit kompromisslos eingedeckt hat. Wollte ich schnell verschwinden, hieß es stets, dass dieses und jenes noch schnell erledigt werden müsse, so dass ich anschließend wegen meinen gefährdeten „Terminen“ hektisch durch die Gegend rannte. Dem zuvor zu kommen, habe ich mich abgesichert und vorausschauend alles rechtzeitig erledigt. So hatte ich auch heute den Korb für das Karnickelfutter vorsorglich mitgenommen.
Nachdem wir uns an dem „echten“ Kaffee und den dazugehörigen obligatorischen Keksen gelabt hatten, löste Ilona die Kaffee-Runde auf und sagte zu ihrer um mich besorgten Mutti: „Entschuldige bitte, w i r müssen noch Futter für die Kaninchen suchen.... Das kann etwas spät werden, wir müssen sie nämlich noch füttern.....sonst bekommen w i r wirklich Ärger!...“
Zu mir meinte sie: „Ich mache mich schnell etwas frisch“ und verschwand, leise die Melodie von den Capri-Fischern summend, im Nachbarzimmer. Das kann dauern, ging es mir durch den Kopf. Jetzt war bestimmt der große Spiegel wieder gefragt.
Mitten in der Unterhaltung mit ihrer Mutti, wir sprachen noch einmal über den Tot Ursulas Vati, rief Ilona aus dem Nachbarzimmer: „Mutti ..kommst du mal bitte!“ Sie eilte zu ihr, lächelte: „Ich hab’s doch gleich geahnt....das gnädige Fräulein steht wieder hilflos vor ihren Sachen und kann sich nicht entscheiden....allzu viel hat sie doch gar nicht!“
Endlich war sie soweit. Ilona hatte sich zurecht gemacht, als wollte sie zur Tanzveranstaltung, heute würde man Disko dazu sagen. Staunend schaute ich sie an, einfach zum Anbeißen. Am liebsten hätte ich sie in die Arme genommen. „Komm“, meinte sie zu mir, „steh nicht rum... wir haben heute noch viel vor!...“ Ich nickte und dachte: „Kaninchenfutter suchen.... und dann so herausgeputzt....oh Gott, oh Gott!“
Als wir Hand in Hand den Hof verließen, schlug sie vor, heute zur Abwechslung zum Fluss runter zu gehen. „Wirst sehen“, meinte sie zuversichtlich, „das verlohnt sich... die Speckblumen wachsen dort wie Unkraut....“ Sie schaute mich verliebt an und meinte etwas leiser: „Anschließend bummeln wir am Bach entlang, an der alten Mühle und am Weiher vorbei.... Von dort ist es nicht mehr allzu weit bis zu euch..... Ich kenne da eine kleine Abkürzung....“
....Sie dachte etwas nach und fragte unsicher: „Sag mal, deine Mutti freut sich doch bestimmt, wenn ich heute mitkomme...oder?...“ Ich gab ihr zu verstehen, dass meine Mama eine gute Meinung über sie habe und sich bestimmt freuen würde.
„Du musst allerdings sehr vorsichtig sein und auf mich aufpassen...“ Sie schaute mich verwundert an, „und wieso? Und warum grinst du dabei so hinterhältig?“, fragte sie, nichts Gutes ahnend, „und warum soll ich auf dich großen Kerl aufpassen?...“
„Na ja“, antwortete ich, „du hast ja deinen Salbenkoffer nicht bei dir.... wenn jetzt eine große Biene kommt und mich sticht“....weiter kam ich nicht. Angriffslustig kam sie auf mich zu, „und außerdem ist das ein Kosmetikkoffer“, schimpfte sie. Geistesgegenwärtig parierte ich, allzu derb konnte ich natürlich nicht zufassen, da ich ihr ja nicht weh tun wollte. „Halte an...Vorsicht“, jammerte sie „meine Haar... meine Bluse, die habe ich doch gerade erst gebügelt!...“
Da sich von weitem eine Gruppe Radfahrer näherte, war die verliebte Rauferei schnell beendet. „Warte ab, das kriegst du alles wieder!“, schimpfte sie.
Als die Radfahrer an uns vorbei fuhren, alles Jungs in meinem Alter, allerdings aus irgendeinem Nachbarort, rief jemand „Grüß dich Ilona, ist das dein neuer Freund? ....Schönen Gruß an Margit!“ Einige flachsten, gaben nicht gerade geistreiche Bemerkungen von sich und meinten, dass Liebe schön sei! Ein anderer stellte verwundert fest, dass ich der neue Torwart sei. „Den werden sie zum Sportfest schon zeigen was eine Harke ist“, meinte er großspurig.
Ilonas Teint wurde rot vor Wut. „Für die muss man sich wirklich schämen... Hast du gehört, wie gemein die waren!“, wetterte sie.
„Und dich gut gekannt!“, ergänzte ich sie.
„Nicht schlecht, tolle Jungs!“, bemerkte ich provozierend. Mit leicht geröteten Wangen schaute mich Ilona verlegen an. „Das ist nicht, was du denkst...“, meinte sie ängstlich. „Du weißt doch, dass ich nur dich gern habe...“, dabei ging ein leichtes Zittern durch ihren Körper. „Ist schon erledigt“, beruhigte ich sie und zog sie zärtlich an mich.
„Da war Margits Ex-Freund dabei - der blöde Kerl taugt überhaupt nichts“, schimpfte sie.
„Die Schulferien haben gerade erst angefangen, da machen sie schon die anderen Dörfer unsicher und stellen dort den Mädchen nach...Diese blöden Kerle haben in jeden Dorf eine Freundin, einfach gemein, die Mädchen so zu veralbern “, ereiferte sie sich.
„Gott sei Dank gibt es hin und wieder auch ein paar nette Jungs“, fügte sie hinzu und lächelte dabei.
Trotz der Alberei und Flachserei, war der Korb fast voll. Schönen fetten und würzigen Löwenzahn hatten wir gefunden. Der Weg zum Fluss hatte sich wirklich gelohnt.
Dort angekommen, herrschte Hochbetrieb. Kaum ein Wort war zu verstehen. Kleine Krabben aus den unteren Klassen wälzten sich in dem vielleicht drei Meter breitem Fluss, der auf Grund der Trockenheit wenig Wasser führte. Einige dieser Bande rannten sogar nackig durch die Gegend. Beim Baden in wilden Gewässern war das auf dem Lande damals unter Jungs keine große Hürde.
Verlegen nahm mich Ilona an der Hand und zog mich rasch fort. „Komm bitte, wir haben es eilig...eure Kaninchen verhungern sonst!“
Enttäuscht stellte sie fest, dass man hier wirklich nicht Schwimmen lernen könne. Sie hatte sich ja durch den Schulausflug nach Seeburg davon überzeugen können, dass es noch etwas Besseres gab, als einen mit Brettern angestauten schmutzigen Fluss.
Auf den von Ilona vorgeschlagenen Schleichwegen erreichten wir endlich unser Ziel. Ab und zu bot sich noch Wegerich an, den die Kaninchen auch nicht gerade verachten.
Bereits im Hof kam uns meine Mutter entgegen. „Es wird Zeit, dass du kommst, die Kaninchen sind schon unruhig“, sagte sie nicht gerade erfreut.
Als sie Ilona gewahr wurde, änderte sich sofort ihr Stimmung. Damit hatte sie nicht gerechnet, aber ich hatte es berechnet. Mein Plan ging auf!
Nur wer weiß, dass ich normaler Weise ein Mädchen werden sollte, Großtante Marta hatte mir das unter dem Siegel der höchsten Verschwiegenheit verraten, konnte das Verhalten meiner lieben Mama richtig begreifen!
Jetzt konnte sie ihre Freude kaum unterdrücken, so wie früher, wenn sich Klein-Erna sonntags herausgeputzt hatte. „Ilona“, meinte sie entzückt, „du hast dich aber fein gemacht... die Bluse steht dir besonders gut.... und der schöne Rock!...“
Ilona wirkte verlegen und wusste nicht wo sie zuerst hinschauen sollte. Für wen hatte sie sich eigentlich so fein angezogen, für mich oder für meine Mama? Das war jetzt die Frage. Ilonas Plan ging demnach auch auf. Viel zu fein kommt sie raus, dachte ich, sie lässt sich noch nicht einmal richtig anfassen, schrecklich!
Da sich Ilona unbedingt unsere Kaninchen anschauen wollte, nahm ich sie an der Hand: „So, und wir beide füttern erst einmal!“
Erschrocken schaute meine Mutter auf Ilona: „Komm, wir suchen erst eine passende Schürze für dich aus, so geht das nicht!“
Ehe ich mich versah, waren die beide im Haus verschwunden. Ich schnappte indessen den Weidekorb mit dem Futter und verschwand im Hinterhof. Gierig stürzten sich die Kaninchen auf das Futter und zerlegten es sachkundig.
Es dauert nicht allzu lange, da stand Ilona vor mir. „Na...wie sehe ich aus?“.. dabei drehte sie sich wie ein Mannequin auf einem Laufsteg. Meiner Mutter hatte sie so komplett in eine Kittelschürze eingewickelt, dass kaum noch etwas von ihr übrig geblieben war. „Fürchterlich...wie meine Mama!“, entgegnete ich auf ihre Frage. Ilona kam auf leisen Sohlen auf mich zu und versuchte ihre Arme um mich zu legen.... „Wenn du wieder gemein wirst, beiße ich dich diesmal!“, drohte sie mir.
Durch eine Zwischentür, die den Hof von den Stallgebäuden trennte, waren wir gut getarnt. „Endlich habe ich dich ganz für mich“, flüsterte sie mir ins Ohr.
Was bin ich schon gegen die Kaninchen! Sie wurden sofort bestaunt und standen im Mittelpunkt des Interesses. „Lassen die sie auch streicheln?“, fragte Ilona neugierig.
Jetzt stand mir das Gleiche bevor, wie damals mit Klein-Erna. „Pass auf, ich erkläre und zeige es dir...schau genau hin.....“
„Kaninchen haben in der Natur viele Feinde.... Die größte Angst haben sie vor Habichten und Busserden, weil die sich oft im Sturzflug, mit hoher Geschwindigkeit und fast geräuschlos nähern“....erklärte ich ihr, „deshalb sollte man ein Kaninchen stets von vorn und nicht von oben aufnehmen, wenn man es nur streicheln oder auf den Arm nehmen möchte.... Sonst spüren sie instinktmäßig einen Schatten über sich, erschrecken und rennen reflexartig davon!...Bei diesen engen Boxen geraten sie in Panik und beißen dann wild um sich!“
Ilona sah mich erschrocken an, hob die Hände, „nee, nee, dann lass ich’s lieber, sicher ist sicher!“ Unwillkürlich dachte ich an Klein-Erna und was sie alles mit den Kaninchen angestellt hatte. Von Angst war da nichts zu spüren.
„Sag mal, wieso hockt das eine Kaninchen so einsam und verlassen in seiner Box?“, fragte Ilona neugierig. „Oh...je“, entfuhr es mir.
Klein-Erna hatte mir damals eine ähnliche Frage gestellt und ich hatte große Mühe das Problem kindergerecht rüberzubringen. Das schlaue Kind hatte mich einige Zeit vorher ausgelacht, weil ich nicht wusste, dass prinzipiell der Klapperstorch die kleinen Kinder bringe!
Wenn ich damals diesen einsamen Bock, der für den Nachwuchs verantwortlich war, in meiner Not zum Klapperstorch erklärt hätte, wäre sie bestimmt nicht einverstanden gewesen. Das einzelne Kaninchen von damals war eben böse und wurde deshalb zur Strafe von den anderen getrennt. Klein-Erna hatte mich zwar misstrauisch angeschaut, aber mich nicht weiter genervt.
Ilona erklärte ich jetzt knallhart, dass dies ein Bock sei, der die Kaninchen decken muss, wenn es soweit sei, dass der dann zu einen Kaninchen gesteckt würde und.... „Hör auf!...hör bitte auf!“....unterbrach sie mich, „erspare mir die Einzelheiten, so genau will ich das gar nicht wissen!..“
Etwas leiser fragte ich: „An den Klapperstorch glaubst du aber nicht mehr...oder?...“ All ihre Kräfte zusammennehmend, versuchte sie sich aus der „Zwangsjacke“ zu befreien. „Warte ab“, meinte sie wütend, „ich werde es dir schon zeigen!...“
Ich war natürlich schneller und hatte sie eher beim Wickel als sie mich. So gesehen war der Einfall meiner lieben Mama gar nicht so schlecht gewesen!
Nach der anstrengenden Fütterung verabschiedeten wir uns und unternahmen noch einen ausgedehnten Spaziergang. Hand in Hand durchstreiften wir die den Ort umgebenden Fluren und Wiesen. Klein-Erna wäre wieder den Schmetterlingen nach gerannt. Wir natürlich nicht. Wir lachten und scherzten und waren dabei albern wie Teenager in diesem Alter nun mal sind.
Irgendwann hatten wir die Dorfstraße erreicht. Von weitem nahte sich ein donnerndes Geräusch - der Wachtmeister auf seiner Artie, auf seinem vorsintflutigen Motorrad kündigte sich an! Die Wirklichkeit hatte uns wieder eingeholt. „Sieh dir das an, das sind mehr als 50, nicht gerade vorbildlich von der Staatsmacht!“, schimpfte ich.
Schnell verschwanden wir hinter der nächsten Hecke. Horsts Vater musste uns um diese Zeit nicht unbedingt mitbekommen. Es dämmerte bereits.
Wir hatten die Siedlung noch nicht ganz erreicht, da kam uns plötzlich ein Einsatzkommando entgegen gerast. „Hast du das mit bekommen“, meinte Ilona aufgeregt, „wenn mich nicht alles täuscht, hat zwischen den Polizisten ein großer Schäferhund gehockt!“ Weil mich das Auto mehr interessierte als die Polizisten, hatte ich das gar nicht bemerkt.
„Wenn das stimmt, dann war das ein Fährtenhund“, klärte ich Ilona auf, „ich bin gespannt bei wem diesmal eingebrochen wurde. Ein Einbruch war damals fast etwas Alltägliches.
Wir beide ließen uns nicht weiter stören und turtelten etwas abseits der Hauptstraße weiter in Richtung Siedlung. Wir hatte uns ja soviel zu erzählen.
„Komm mein Schatz, deine Mutti lauert auf uns...Wir müssen uns etwas beeilen“, versuchte ich Ilonas Schritte zu beschleunigen, die sich inzwischen von mir ziehen ließ. „Mann,,...,maulte sie unwillig.... „du bist manchmal schlimmer als meine Mutti!“
Bei ihr angekommen, verabschiedet ich mich gleich wieder. Diesmal ohne große Verabschiedungszeremonie. Ilona hatte ich heimlich versprechen müssen, morgen so schnell wie möglich da zu sein. Ihre Mutti war nach wie vor anderer Meinung.
Etwas erschöpft sprang ich auf mein Fahrrad und raste los. Stolz nahm ich zur Kenntnis, dass meine Fahrradbeleuchtung einwandfrei funktionierte. Bis zur Ortsmitte kam ich, als ich plötzlich durch eine rotblinkende Verkehrskelle angehalten wurde.
Horsts Vati, der Herr Wachtmeister stand vor mir und traute seinen Augen nicht... „Ich fasse es nicht“, schnarrte er in Befehlston, „Du hier ...um diese Zeit?...Und wo treibt sich Horst herum?“...“ Das wusste ich nun wirklich nicht, konnte es nur ahnen. Demnach war er auch noch auf Achse „Das Ganze hat ein Nachspiel“, meinte er streng.
Er erklärte mir, dass ich hier nicht durch könne, weil hier wegen polizeilichen Ermittlungen abgesperrt sei und ich den Umweg über die Bergstraße nehmen müsse. Die Staatsmacht hob den rechten Daumen und scharrte: „Aber dalli!“
An einem Berg geht es bekanntlich einmal bergauf und einmal bergab. Missmutig nahm ich mein Fahrrad und schob es erst einmal mit letzter Kraft bergauf. Von wegen: „Liebe versetzt Berge“, davon war an diesem Abend nicht viel zu spüren.
Als ich endlich zu Hause eintrudelte, war meine Mutter natürlich sehr besorgt. Mit kriminellen Scharfsinn und totaler Übertreibung erzählte ich ihr, dass das ganze Dorf wegen eines großen Einbruchs abgesperrt sei.
„Schrecklich“, meinte sie, „die Zeiten werden immer verrückter!“ Ganz wohl war mir dabei natürlich nicht..... Was tut man nicht alles der Liebe wegen!


Teil 48 folgt
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"Du mußt....
Leiden oder triumphieren,
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Alt 31.05.2012, 18:05   #271
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Kindheitserinnerungen...das neue Leben

Teil 48

Am nächsten Morgen wurde ich unsanft geweckt. Meine liebe Mama stand vor meinem Bett und machte mich darauf aufmerksam, dass es bald regnen werde. „Komm“, meinte sie, „raus aus den Federn...du musst sofort zu Ilona...ihr müsst eure Kohlen reinschaffen, es regnet gleich!...“ Von wegen Ferien und ausschlafen können! Ob diese Fürsorge etwas mit dem gestrigen Besuch zu tun hatte?
Nachdem ich mir meine Liegestütze abgequält hatte, mein Muskelkater war noch nicht vollkommen abgeklungen, verschlang ich hastig mein „Müsli“. Nach wie vor die bekannte Brotsuppe, harte Brotkanten in Mucke**** aufgeweicht. Ausnahmsweise nicht mit Süßstoff, sondern mit Ersatzbutter(brauner Zucker) abgeschmeckt. Man gönnt sich ja sonst nichts!
Normalerweise wollte ich schnell bei Horst vorbei und ihn mitnehmen, schließlich wurde jede Hand gebraucht. Außerdem wollte ich wissen was gestern Abend eigentlich los war.
Nach reiflicher Überlegung stand fest, nicht bei Horst vorbeizufahren. Vielleicht würde ich ihn gar nicht antreffen und dem Wachtmeister wollte ich auf keinem Fall begegnen.
Wie der Zufall manchmal spielt, war am gestrigen Abend einiges zusammengekommen. Die ziemlich verspätete Verabschiedung von Ilona. Die Dunkelheit hatte uns glattweg überrascht. Dazu die polizeilichen Ermittlungen wegen des Einbruches, dadurch bin ich dem Wachtmeister direkt in die Arme gelaufen. Der war so schon gestresst, da Horst, sein Sohn, sich um diese Zeit auch noch herumtrieb. Wenn er gewusst hätte, dass Horst mit Margit in deren Schrebergartenlaube dabei waren ein frohes Jugendleben zu entfalten, wäre er wahrscheinlich total ausgeflippt.
Zur damaligen Zeit war es nicht angebracht als Dreizehnjährige während der Dunkelheit sich auf der Straße herumzutreiben. Zu einer Zeit, in der oft lichtscheue und kriminelle Elemente mit der Polizei und der Besatzungsmacht in Scharmützel verwickelt waren. In der Stadt bekam man das nicht so mit, da war ja auch nichts zu holen. Auf den Dörfern schon. Die Bauernhöfe, die Kaninchen- und Hühnerställe der kleinen Leute versprachen eine fette Beute und zogen dieses Gesindel wie ein Magnet an. Auf dem Schwarzmarkt herrschte nach wie vor Hochkonjunktur, trotz der schweren Strafen, die drohten! In der Schieberkette standen als Erstes stets Lebensmittel und Heizmaterial im Vordergrund, das ja auch im Sommer zur Nahrungszubereitung notwendig war.
An elektrische Kochgeräte war nicht zu denken, die wenigen die es gegeben hatte, waren während des Krieges an den sogenannten „Kohlenklau-Aktionen“ beschlagnahmt worden (Heute ist diese Art des sparsamen Umganges mit Energie schwer zu vermitteln. Wer damals mit Energie allzu großzügig umging, war ein „Kohlenklau“, der wurde öffentlich angeprangert und oft bestraft). Nicht zu vergessen die großen Plakate, die überall hingen. Sie zeigten einen untersetzten ganz in Schwarz gekleideten Mann mit schräg aufgesetzter Schiebermütze und mit einem großen, prall gefüllten Kohlensack auf dem Kreuz. Ja, so war das damals.
Als ich auf den Hof trat, und mein Fahrrad aus den Schuppen holen wollte, traute ich meinen Augen nicht. Schwere und zu hohen Türmen aufgebaute dunkle Gewitterwolken drohten am Himmel. Der graue Rauch des langen Schornsteins der Zuckerfabrik, der über eine Hügelkette lugte, stieg noch kerzengerade in den Himmel. Gestern um diese Zeit hatten wir den schönsten Sonnenschein. Eine trügerische Stille hatte sich ausgebreitet. Die Dorfhunde hatten sich bereits seit mehreren Stunden aus Angst vor Donner und Blitz in die äußerste Ecke ihrer Hütte verkrochen. Auf dem Lande ein sichtbares Zeichen für ein aufziehendes Gewitter. Sie stellen für den bekannten Wetterfrosch mit seiner Leiter ein ernsthafte Konkurrenz dar.
Jetzt gab es nur eines: sofort zu Ilona! Unterwegs traf ich auf Ottomar. Er war mit dem Rad unterwegs und wollte ausgerechnet auch noch zu mir. Seit ich ihm das Radfahren beigebracht hatte, war er mein ständiger Kunde. Er war der Einzige, der sein Rad so intensiv pflegte, wie wir Jahre später unseren heißgeliebten Trabi, Wartburg, Moskwitsch oder Lada. Jetzt ließ ich ihn gar nicht erst zu Wort kommen. „Mir nach... ein Notfall!“, rief ich ihm zu. „Komm....komm...Beeilung!“
Als wir mit rasanter Fahrt in die Siedlungsstraße einbogen, ging Ottomar das bekannte Licht auf. Es war nun nicht mehr zu übersehen, wohin ich ihn lotsen wollte. „Was wollen wir denn bei Ilona?“, rief er verwundert.
Als er im Vorgarten die Kohlensteine liegen sah und wie emsig Ilona, ihre Mutti und die Hauswirtin dabei waren mit einem Handwagen die Kohlensteine in den Hof zu karren, bekam er aus lauter Staunen seinen Mund nicht wieder zu.
„Was ist denn hier los?„ ,fragte er. Ilona hatte uns schon von weitem entdeckt. „Ja, wir haben fleißig gearbeitet...Der Winter kann kommen...Wir müssen jetzt nur schneller als der Regen sein, sonst war alle Mühe umsonst“, antwortete sie.
Sie strahlte vor Glück und lachte in sich hinein: „Die Mutti meinte du würdest erst gegen Mittag kommen!....Sie hat ja nicht gewusst was wir uns beide ausgemacht haben....“
„So sehen also Kohlensteine aus...aber richtige Briketts sind das nicht!...“, stellte Ottomar sachkundig fest.
Jetzt fängt der auch noch an zu meckern, das kann doch wohl nicht wahr sein, dachte ich.
„Ottomar, erzähle nicht so viel“, ging ich ihn an, „wie die siehst, wird es gleich regnen...Hilf lieber mit!...Was denkst du wohl, warum ich dich überhaupt mitgenommen habe?“
Ilona schimpfte: „Sag mal, du kannst doch mit Ottomar nicht so umgehen, was denkst du dir denn eigentlich?“
Ottomar, ein dufter Kumpel und Gemütsmensch, hatte die Situation sofort erkannt und sah, dass Not am Manne war. In der Fußballmannschaft konnten wir ihn nicht gebrauchen, er hätte sich wahrscheinlich beim Spielen umgebracht. Spielten wir im Sportunterricht jedoch Völkerball, räumte ab wie beim Preiskegeln. Jetzt sollte er sich mit seinen überschüssigen Kräften an den Kohlensteinen austoben.
Der gute Junge nahm mir in diesem Moment meinen etwas rauen Ton nicht übel. Er wusste, dass dies nicht meine Art war. Nachdem ich ihm heimlich das Radfahren beigebracht hatte, (heimlich, weil er Angst hatte von den anderen ausgelacht zu werden!).war er stets auf meiner Seite.
„Mach dir keine Sorgen, Ilona, echte Kumpels halten nun mal zusammen... Denke doch mal daran doch mal daran, wie uneigennützig er uns immer hilft!“
Nachdem er in die Runde geschaut hatte, lehnte er kurz entschlossen sein Fahrrad an den Kirschbaum der Nachbarin(!), schnappte den Handwagen voller Kohlensteine und zog in Richtung Hof ab.
„Mein Gott“, jammerte er, „wenn ich das hier sehe, wird mir Angst und Bange.... Da kommt ja nächste Woche eine elende Schinderei auf mich zu!.... Das Beste wird sein, wir verfeuern wieder Knerpel...genügend Platz haben wir doch.... Wir müssen nicht unbedingt diesen Zirkus mitmachen!“
„Was heißt hier Zirkus“, empörte sich Ilona, „wenn ich an den letzen Winter denke... stets hat der Ofen gequalmt wegen des feuchten Zeuges...Die ganze Wohnung war verräuchert... Ständig haben wir wegen der gefährlichen Gase lüften müssen... Richtig warm war es nie!...“
Ottomar war längst mit dem Handwagen um die Ecke, da schimpfte sie immer noch wie ein Rohrspatz.
Ilonas Mutti war natürlich auch froh als sie mich mitbekam. Jetzt hockte sie im Stall und war dabei die Kohlensteine zu stapeln.
„Ich habe doch gleich gewusst, dass du es zu Hause nicht lange aushältst, wenn es etwas zu tun gibt“, meinte sie, „und nun auch noch der plötzliche Wetterwechsel.... Ilona nervt schon seit dem Frühstück.... Ständig hat sie heimlich die Straße hinuntergeschaut und sich eingebildet ich merke das nicht.“
Sie richtete sich langsam auf, drückte schmerzverzerrt ihren schmalen Rücken durch und klagte: „Ja, ja, langsam werde ich alt... manchmal komme ich mir wie achtzig vor.“
Ilonas Mutti war so alt wie meine Eltern, gerade vierzig geworden. Durch die Strapazen des Krieges und durch die ersten Jahre der Nachkriegszeit, zählten die Jahre doppelt, ob es die Männer im Schützengraben oder die anderen an der Heimatfront betraf. Ständiger Hunger und Schlafmangel, begleitet mit Angst und die Sorgen um die Familie, die Sorgen um das tägliche Brot usw., gehören nun mal nicht zum Programm einer Gesundheitsfarm.
Voller Stolz zeigte sie auf die Kohlen: „Schau dir das an, wie ordentlich und sauber das jetzt aussieht und wie viel Platz wir noch haben...Jetzt kriegen wir noch mal soviel unter.“
Während unseres kurzen Unterhaltung überlegte ich, wie ich Ilonas Mutti von dieser für sie nicht gerade leichten Arbeit abbringen konnte. Sie sah die ganze Zeit schon leidend und gestresst aus. Der gesamte Ablauf dieser Aktion gefiel mir sowieso nicht.
Wie ich abschätzen konnte, war bereits über die Hälfte der Kohlen reingeschafft und gestapelt, sodass es unzweckmäßig erschien den Ablauf noch einmal zu verändern.
Zum Glück hielt das Wetter an diesem Tage nicht, was es versprochen hatte. Es kam wieder nicht über die Saale, wie die Hiesigen dann schlussfolgerten. Es donnerte und blitzte ein paar Mal kräftig und verzog sich Richtung Petersberg.
Ilona wich natürlich nicht von meiner Seite, vor allem wenn es donnerte und blitzte. Tauchte beim Bummel durch das dörfliche Gefilde auch ein noch so kleiner Hund auf, schob sie mich wie ein Schutzschild vor sich her. Mich konnte der Köder ja ruhig beißen. Langsam belebten die armen Tier wieder das Straßenbild. Einige sind damals wirklich in so manchen Kochtopf gelandet. Die Flüchtlinge gerieten natürlich wieder unter Generalverdacht. Was nie bewiesen werden konnte.
Während ich mich noch mit Ilonas Mutti unterhielt, stand sie plötzlich vor mir und fragte mich, wo ich denn bliebe. „Hast du mich überhaupt schon mitbekommen?“, raunte sie mir zu. Diese Bemerkung war natürlich wieder mächtig übertrieben, ließ aber darauf schließen, dass sie heute nicht in bester Verfassung war.
Ich lenkte sofort vom Thema ab und schlug vor, dass ihre Mutti sich endlich ausruhen solle, da wir den Rest der Arbeit bestimmt auch ohne sie schaffen würden.
Nun wieder begeistert, meinte Ilona: „Fein, Mutti, dann kannst du dich ja um die Wohnung kümmern!“ Die gute Frau lächelte und meinte: „Ich kann euch beide doch nicht allein lassen!“
„Aber Mutti! ...was denkst du denn von uns!“, meinte sie daraufhin verlegen. Wobei ihr Gesicht wieder eine verräterische Gesichtsfarbe annahm!
Als Ottomar mit der nächsten Fuhre in der Tür stand, legte Ilonas Mutti ihre Schürze ab, meinte, dass sie bei so viel Hilfe wirklich nicht mehr gebraucht werde und wir das schon schaffen würden und verschwand erlöst ich Richtung Wohnung.
Sie alle hatten früh unter dem Druck des aufkommenden Regens die Kohlensteine schnell in den Stall gekarrt und Ilonas Mutti hat versucht sie ordentlich zu stapeln. Als ich dann später dazu kam, habe ich sie im ersten Moment gar nicht mitbekommen, weil sie vollkommen zugepackt war.
„So“, sagte ich, „und wir drei führen jetzt ein Luftschutzübung durch, wir bilden eine Kette, werfen uns die Kohlen vom Handwagen zu und der Letzte stapelt sie ordentlich“.
Ilona und Ottomar schauten mich an, als ob ich von einem anderen Stern gekommen wäre. „Die Mauerer werfen sich auch oft die Ziegelsteine auf diese Art zu“, ergänzte ich.
Dass ich einige Jahre später beim Enttrümmern in der Nähe der Dresdener Frauenkirche große Blasen an die Hände bekam, weil die geputzten Ziegelsteine genau so gehandhabt wurden (Mit einem Hammer werden dabei die Mörtelreste von den Ziegelsteinen abschlagen.), konnte ich noch nicht ahnen!
Jetzt stellte sich wieder einmal heraus, dass hier niemand wusste, wovon ich sprach. „Mein Gott“, sagte ich verärgert, „wenn nach einem Bombenangriff die Häuser brennen und kein Schlauch vorhanden ist, im Krieg soll das schon mal vorkommen, wird das Löschwasser in Eimern durch eine Kette, die die Leute dann bilden, weitergereicht!... Habt ihr denn in euren Dorf früher beim Luftschutz oder bei der Hi...tlerjugend so etwas nicht geübt?“
Ottomar meinte nur, dass hier während des Krieges keine Bomben gefallen seien und an Übungen könne er sich wirklich nicht entsinnen.
Ilona schimpfte: „Aber Hallo... der Krieg ist längst aus...Da kommst du mit dem Luftschutz!...Weshalb regst du dich nur so auf?...Bomben fallen heute bestimmt nicht mehr...damit kannst du langsam aufhören!“
Oh je, dachte ich, mein Schatz ist heute nicht gut drauf. Äußerste Vorsicht war demzufolge geboten. Da ich etwas erwidern wollte, unterbrach sie mich sofort: „Jetzt müssen wir klären wie die Kohlen von hier in den Stall kommen!“ Dabei zeigte sie zuerst auf die Kohlensteine vor uns und anschließend in Richtung Hof. Das saß! Damit hatte sie mich im richtigen Moment gebremst.
Anschließend ging alles schneller als wir dachten. Im Vorgarten hatten wir genügend Platz und beluden ohne weitere Arbeitsteilung den Handwagen. Da es im Stall ziemlich eng zu ging, warfen wir uns, wie ausgemacht, die Kohlen zu und Ilona, die Kleinste von uns, stapelte sie.
Sogar sie war anschließend begeistert. Ottomar war ausnahmsweise zu Spaß aufgelegt, er trat grinsend an mich heran, knallte ungeschickt die Hacken zusammen, verbog seine Figur zu einem Fragezeichen und lallte mit imitativ angetrunkener Stimme: „Jungenschaftsführer....Befehl ausgeführt!...Es meldet Pimpf Ottomar...!“ Da ich schon immer für jeden Spaß zu haben war, schnarrte ich mit der Stimme Schickelhubers: „Rühren, Sie Pfeife!“
Ilona fand das gar nicht lustig und schimpfte: „Ottomar, jetzt fängst du auch noch an damit... ihr benehmt euch heute wie die kleinen Kinder... wenn das jemand mitbekommt!“
Sie dachte bestimmt an die streitsüchtige Nachbarin. Ich hatte sie weggehen sehen. Sie sammelte bestimmt im Dorf die neuesten Nachrichten ein. Als sie aus dem Haus trat und Ottomars Fahrrad bemerkte, er hatte es an ihren Kirschbaum gelehnt, lispelte sie ein paar unverständliche Laute in ihren fussligen Damenbart, zog es aber vor zu schweigen und zu verschwinden.
Endlich war das Werk vollbracht. Wir saßen auf dem Rasen und gönnten uns erst einmal ein paar Minuten Ruhe. In der Ferne donnerte es. Am Petersberg ging ein schweres Gewitter nieder. Bei uns schien wieder die liebe Sonne. Ilona saß verträumt neben mir und meinte, dass Großvater heute bestimmt nicht gießen müsse. Sie hatte meine Hand erfasst und zwang sich ein müdes Lächeln ab. Endlich, dachte ich, jetzt ist bestimmt wieder alles in Ordnung.
Da jetzt Ruhe eingetreten war, fiel mir Ottomars Problem wieder ein. „Was wolltest du eigentlich vorhin von mir?“, fragte ich neugierig. Er meinte, dass etwas mit seiner Fahrradkette nicht stimme, sie habe sich durch den Schulausflug bestimmt gelockert, da sie beim Fahren oft gegen den Rahmen schlage.
Da uns Ottomar so fleißig geholfen hatte, standen wir gewissermaßen in seiner Schuld, obwohl er das nicht so sah. „Geht in Ordnung“, sagte ich, „ich schaue mir das sofort an und erledige das gleich.... Du guckst zu und bekommst das beim nächsten Mal bestimmt selbst hin.“
„Nee, nee“, erwiderte er, „ich müsste schon längst zu Hause sein....Meine Mutti lauert mit dem Essen auf mich... ich muss so schnell wie möglich nach Hause...ich komme morgen früh noch mal bei dir vorbei!“
Ilona hielt ja noch meine Hand, ich spürte einen derben Druck und wusste sofort Bescheid. Wenn uns damals das Morse-Alfabeth bekannt gewesen wäre, hätten wir uns auf diese Art oft stumm und heimlich verständigen können.
„Ottomar, das wird leider nichts“, sagte ich, „ich komme auf jeden Fall diese Woche noch bei dir vorbei, das ist für mich zweckmäßiger.“
„In Ordnung“, meinte er, „ich bin ja sowieso zu Hause...wenn nicht, weiß meine Mutti wo ich bin!“
Nun spürte ich als Quittung einen leichten Druck in meiner Hand und schaute in ein verschmitztes Gesicht!

Teil 49 folgt



















































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"Du mußt....
Leiden oder triumphieren,
Amboß oder Hammer sein."

(Johann Wolfgang von Goethe)
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Alt 30.06.2012, 19:08   #272
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Kindheitserinnerungen ...das neue Leben

Teil 49

Als Ottomar sich von uns verabschiedet hatte und eilig davon gerast war, fragte mich Ilona: „Sag mal, was war gestern Abend eigentlich los... Das Einsatzkommando der Polizei kommt doch nicht ohne einen Grund.... Eigentlich war es doch ziemlich ruhig und friedlich im Dorf?“
„Hör bloß auf“, sagte ich, „von wegen ruhig und friedlich!“ und winkte ab. Als ich ihr von meiner Odyssee berichtete, lachte sie verschmitzt. „So ist es richtig“, meinte sie, „das Söhnchen des Wachtmeisters treibt sich herum um diese Zeit, du lässt dich von ihm erwischen und wirst angezählt.“ Sie strich mir dabei zärtlich übers Haar und bedauerte mich. „Armer, armer Knabe“, meinte sie besorgt.
Sie erzählte mir, dass Margits Vati vor kurzem einen Schrebergarten gepachtet habe. Sie grinste und betonte: „Mit Laube!“ Ihr Vati war ja bereits aus der sowjetischen Kriegsgefangenschaft entlassen worden und arbeitete als Herrenfriseur im Ort,
Als ich ihr erklärte, dass ich dies längst wüsste und mit Horst schon Pläne geschmiedet habe, wie wir die Laube samt Garten ordentlich einweihen wollten, unterbrach sie mich, lachte und meinte: „Wie ich euch kenne, habt ihr doch dabei eher an die Einweihung der Laube als an die Einweihung des Gartens gedacht!“
„Und wie ich Margit und Horst kenne, haben die beiden die Laube schon längst eingeweiht“, konterte ich.
„Das denkst aber nur du...Margits Vati hält sein Töchterchen neuerdings an der kurzen Leine....Er passt wie ein Schlosshund auf sie auf....Ihm ist einiges zugetragen worden, vor allem seit er den Männern im Dorf die Haare schneidet! Dieser Laden ist doch genau so ein Tratschzentrum wie die anderen Geschäfte im Ort....Vater und Tochter liegen sich nur noch in den Haaren!“
Armer Margit, dachte ich in diesem Moment und musste an Ursula und ihren verstorbenen Vati denken.
Inzwischen hatte ich mir den Straßenbesen geschnappt und war dabei den Vorplatz zu kehren, während Ilona sich schnatternd am Schaufelstiel festhielt. Da es nicht geregnet hatte, war die Gelegenheit günstig, endlich den Hof und den Vorplatz grob zu reinigen.
Plötzlich rief Ilona „schau mal“, lachte und zeigte in Richtung des Dorfes. In schnellen Schritten, sich bald überschlagend, nahte unsere ach so „nette“ Nachbarin! „Die hat bestimmt Sehnsucht nach ihren Katzen oder will nachschauen, ob sie noch leben“, lästerte ich.
„Ilona“, rief sie aufgeregt und nach Luft ringend, „wo ist deine Mutti?“ Ohne auf eine Antwort wartend, war sie auch schon im Hof verschwunden.
„Die Mutti wird begeistert sein...jetzt hängt die alte Tratschtante ihr wieder halb im Genick, um ihr die neuesten Nachrichten zu überbringen“, meinte Ilona, „das ist eine blöde Angewohnheit von ihr.... Obendrein riecht sie immer so streng, meistens nach Knoblauch, Katze und Körperschweiß....einfach widerlich!“
„Mich interessiert schon was gestern Abend alles passiert ist, schließlich hat mich das eine Menge Kraft und Schweiß gekostet“, sagte ich zu Ilona.... „Horst weiß bestimmt einiges...“.
Ilona meinte, dass Horsts Vater ihm nicht allzu viel erzählen würde. „Das stimmt schon“, entgegnete ich, „Horst erzählte mir, das meiste bekomme er mit, wenn seine Eltern sich unterhielten, außerdem habe er einige Tricks auf Lager, an wichtige Informationen heranzukommen.“
„So“, sagte ich, als ich mit Kehren fertig war, „das müsste erst einmal genügen.“
Natürlich hatte ich Ilonas Neugier angestachelt, als ich von Tricks geredet hatte. Jetzt wollte sie es wissen.
„Sag mal“, fing sie vorsichtig an, „ wieso kommt Horst an wichtige Informationen, wie geht das denn?“
Erschrocken zuckte ich zusammen, als ich mich wieder gefasst und mich selbst verdammt hatte, das erwähnt zu haben, stotterte ich verlegen, dass ich dies auch nicht so genau wisse.
Ilona trat an mich heran, fasste mich an beiden Händen, schaute mir frech in die Augen und legte los: „Neien, ich bin nicht so naiv wie Klein-Erna..... ich habe auch keine Kulleraugen... trotzdem möchte ich es jetzt wissen!“
Mein Gott dachte ich, Gedanken kann sie auch schon lesen!
„Du weißt ja von Horst selbst“, fing ich vorsichtig an, „dass sein Vater oft Tag und Nacht unterwegs ist, dadurch wenig schlafen kann...und wenn er dann übernächtigt nach Hause kommt, versucht er vormittags etwas zu schlafen... Dann tritt Horst in Aktion. Wegen des Telefons kann das Dienstzimmer ja nicht verschlossen werden... Horst hat Zeit, vor allem an den Wochenenden und blättert in aller Ruhe in den Akten und im Arbeitsbuch, in dem auch oft Namen und Schandtaten von uns vermerkt sind.“
Ilona schüttelte verzweifelt mit dem Kopf: „So einen Unsinn habt nur ihr beide drauf...du hast doch Horst bestimmt dazu angestiftet.... das ist ja schon kriminell! Es fehlt nur noch, dass ihr mit der Pistole des Wachtmeisters durch die Gegend ballert, während er schläft“, meinte sie besorgt.
„Beim ersten Schuss steht er dann senkrecht im Bett und denkt der dritte Weltkrieg habe begonnen“, meinte ich grinsend. Ilona schimpfte: „Ich weiß nicht warum du auf einmal so albern bist!“
„Irrtum“, sagte ich zu ihr, „ an die Pistole kommt niemand ran...sobald der Wachmeister seine Wohnung betritt, wird die Pistole samt Koppel in den dafür vorgesehen Panzerschrank eingeschlossen, den Schlüssel dazu bewahrt er in seinem Brustbeutel auf!“
„Richtig“, meinte Ilona, „an den komischen Schrank kann ich mich noch entsinnen als wir vor ein paar Tagen im Dienstzimmer des Wachtmeisters gemeinsam die Hausaufgaben erledigt haben.“ Sie lachte und meinte, dass es schon ulkig sei, die kleine Pistole und so ein großer Stahlschrank.
„Mein Gott, Ilona, denk doch mal nach“, klärte ich sie auf, „dort wird selbstverständlich auch die Munition für die Pistole aufbewahrt... Horst meinte, der Schrank sei bis oben hin voll davon.“ Mir war klar, dass er dabei übertrieben hatte.
Ilona erschrak, „so“, sagte sie und legte los, „das kann doch nicht sein...das ist ja lebensgefährlich... und dort haben wir unsere Schularbeiten erledigt!“
Daraufhin erklärte ich ihr, dass Waffen und Munition überhaupt nicht gefährlich seien, wenn man sich streng an die Vorschriften halten würde.
Da ich Angst hatte, dass Ilona sich wieder an ihren gefallenen Vati erinnert, wechselte ich schnell das Thema.
„Frag mal Margit, womit die beiden sich beschäftigt haben, nachdem wir uns abgesetzt hatten“, entgegnete ich... „die haben nicht an die Munition gedacht.“
„Natürlich“, meinte sie, „das musste ja jetzt kommen...was du schon wieder denkst!“
Die Hoftür quietschte in ihren Angeln und die Nachbarin kam angestapft. Sichtlich erleichtert schaute sie verwundert um sich und meinte, dass jetzt alles wieder so schön sauber aussehe und wenn es erst ein paar Mal kräftig geregnet hätte, wäre die Rasenfläche auch wieder sauber. Verdutzt schauten wir uns beide an, welch ein Sinneswandel. Laut „Miez!, Miez! rufend, verschwand sie in ihrer Katzenhochburg.
Als ich Schaufel und Besen im Schuppen abgestellt hatte, kam Ilona wie ein Schmusekätzchen auf mich zu, schaute mich erwartungsvoll an, strich und pustete sich nervös eine lange Haarsträne aus ihrem lieblichen Gesicht und fragte: „Mich würde ja furchtbar gern interessieren was mein Schatz heute noch so alles vor hat.“
„Da fragst du noch?“, entgegnete ich, „am liebsten würde ich Baden fahren.“
Ilona wollte gerade etwas erwidern, als die Kirchenglocke der evangelischen Kirche zur Mittagszeit bimmelte, ganz schüchtern und leise, als wollte sie sich entschuldigen. Sie musste schließlich auf den maroden und baufälligen Unterbau Rücksicht nehmen. Vielleicht zehn Sekunden später erinnerte laut dröhnend, angeberisch und unüberhörbar die Glocke des Konkurrenzunternehmens, die Glocke der katholischen Kirche an den Lieben Gott und an die Mittagszeit. Diese Kirche war über hundert Jahre jünger und der Zahn der Zeit hatte an ihr noch nicht so viel Erfolg gehabt.
Die Kirchenglocken hätten sich ihre Mühe sowieso sparen können, da mein Magen bereits zum wiederholten Male laut und deutlich geknurrt hatte.
„Es wird Zeit für mich“, mein Mama lauert mit dem Essen auf mich“, sagte ich zu Ilona. Sie schaute mich böse von der Seite an und wollte protestieren. Meine Mutter hatte mich schon ein paar Mal ernsthaft verwarnt, ich sollte zu Hause essen und „Ilona nicht immer alles wegessen!“
Ilonas Mutti sah das anders. Sie meinte stets, das Essen sei redlich verdient, außerdem könnte ich zu Hause noch mal essen und würde wenigstens etwas Speck auf die Rippen bekommen!
Um einen Ausgleich zu schaffen, hatte ich deshalb den Familienrat einberufen, der darauf hin einstimmig beschloss, wie damals bei Klein-Erna, ein Weihnachtskaninchen anzufüttern! Es sollte nicht als Geschenk gelten, ein Geschenk wirkt oft peinlich, weil man sich ja irgendwie revanchieren möchte und nicht kann, sondern sollte der Lohn sein für die wertvollen Hinweise beim Futtersuchen!
Bei dieser Begründung muss ich nur aufpassen, dass Ilona keinen Lachkrampf bekommt. Wir haben ja nicht nur Futter gesucht!
Aber jetzt musste ich erst einmal Überzeugungsarbeit leisten. „Ilona“, sagte ich, „schau nicht so böse, meine Mama bäckt heute meine heißgeliebten Kloßkuchen, sie lauert schon auf mich... Es ist bereits Mittagszeit und zeigte dabei in Richtung Kirchturm !“
„Kloßkuchen.... Kloßkuchen, was ist denn das nun wieder?“, fragte sie genervt. Als ich ihr das Rezept erklärte, entgegnete sie, „ach so, du meinst Kartoffelpuffer!“
Sie kam etwas näher an mich heran und flüsterte verlegen: „Weißt du, dass ich die für mein Leben gern esse?“
„Kein Problem, mein Schatz!...Schnell etwas waschen und aufs Fahrrad, worauf wartest du noch?“, entgegnete ich kurz entschlossen.
Das passt doch wunderbar, dachte ich, jetzt konnte ich es meiner Mama zeigen, von wegen Ilona alles wegessen. Sie ließ alles stehen und liegen und wollte schnell Richtung Wohnküche verschwinden.
„Stopp!... Stopp!... Stopp! “, rief ich schnell, „denke daran...ich meinte, nur die Hände waschen und kurz mit dem nassen Waschlappen über den Markt fahren...keine Vollwäsche, keine Modenschau...und nicht noch Bluse und Rock bügeln!... und schon gar nicht ‚Spiegelein, Spiegelein an der Wand’ spielen...verstanden?“
Ilona war heute gut drauf, äffte mir nach: „Zu Befehl!, keine Modenschau und keine Vollwäsche, nicht bügeln und nicht in den Spiegel gucken!“, grinste und verschwand.
Kurz darauf vernahm ich aus der Küche die begeisternden Rufe: „Mutti!, Mutti!, ich esse heute Kartoffelpuffer!“
Trotz meiner Befürchtungen Ilona würde sich wieder ewig herausputzen, stand sie überraschend vor mir, frisch gestriegelt, gewaschen und in einer Wolke von Tosca eingehüllt und fragte frech, wieso ich noch fertig sei.
Bevor wir losfuhren, erklärte ich ihr, auf gar keinen Fall nebeneinander zu fahren, da ich nicht wüsste wo der Wachtmeister gerade auf Pirsch sei. „Die Standpauke von gestern Abend habe ich noch nicht richtig verdaut und an das Nachspiel will ich gar erst nicht denken!“
„Es ist ja auch kein Wunder“, meinte Ilona, „was ihr alles auf dem Kerbholz habt, und du stehst auf seiner großen Liste bestimmt ganz, ganz oben!“
„Stell dir vor“, sagte ich, „als Horst vor kurzem wieder die Gelegenheit wahr genommen und im Arbeitsbuch seines Vaters geblättert hat, musste er feststellen, dass die Seiten neuerdings nummeriert sind.“
Ilona unterbrach mich und meinte, was daran so wichtig sei. „Na ja“, erwiderte ich, „Horst kann jetzt nicht mehr so ohne weiteres für uns gefährliche Notizen mit Namen und Schandtaten verschwinden lassen!“
„Wie...verschwinden lassen?“, fragte sie naiv. Nachdem ich ihr erklärte, dass Horst öfter eine Seite herausgerissen hatte, natürlich mit Gegenseite, sonst wäre die Schandtat sofort aufgefallen, wäre sie beinahe ohnmächtig geworden. Nun ging wieder eine Standpauke auf mich nieder!
Inzwischen hatten wir uns von ihrer Mutti, die uns guten Appetit wünschte, verabschiedet und waren losgefahren – hintereinander und ich als erster.
Auf halber Strecke war sie plötzlich aus dem Blickwinkel meines Rückspiegels verschwunden. Ich schaute einmal , zweimal – keine Ilona! Nichts Gutes ahnend wendete ich und fuhr ihr entgegen. Sie saß trotzig auf der breiten steinernen Brückenbefestigung und baumelte nervös mit den Beinen, neben sich ihr Fahrrad!
Was war passiert? Die Fahrradkette war vom Zahnrad des Hinterrades gesprungen und saß verklemmt zwischen Felge und Hinterradkabel. Ilona hatte geistesgegenwärtig die Vorderradbremse betätigt und war zum Glück nicht gestürzt!
Jetzt saß sie wie ein Häufchen Unglück vor mir, puderrot im Gesicht und schimpfte: „So ist es richtig, um alle Fahrräder des Dorfes kümmerst du dich....nur nicht um meins!“ Das tat weh!
Als ich sie beruhigen wollte, unterbrach sie mich und reagierte sich weiter ab: „Kannst du mir mal erklären, warum du so gerast bist...ich bin überhaupt nicht hinterher gekommen...Du weißt doch genau, dass ich nicht soviel Kraft habe wie du.“ Sie war dem Weinen nahe.
Ohne ein Wort zu sagen, nahm ich mir das Fahrrad vor und überlegte wie ich aus der prekären Situation wieder herauskomme.
Es war Mittagszeit und allzu viel Leute waren zum Glück nicht unterwegs. Jetzt fehlt nur noch der Herr Wachtmeister. Eine erneute Standpauke war dann so gut wie sicher. Ilona stand neben mir, schaute mich groß an, hob beide Hände und fragte: „Und nun?“
Da ich Inzwischen den Schaden behoben hatte entgegnete ich: „Aufsteigen....die Kartoffelpuffer lauern auf uns!“
Ilona protestierte: „Aufsteigen!...Aufsteigen!...Und wenn die blöde Kette erneut runterfliegt?“
„Ilona“, entgegnete ich, „du hast doch gesehen, dass ich die Kette beim Demontieren und Montieren des Hinterrades neu gespannt habe, die springt nicht wieder herunter...glaube mir!“
Sie schaute mich groß an: „Weiß die Kette das auch?“, dabei huschte ein leichtes Lächeln über ihr Gesicht. Sie war dabei ihre gute Laune von heute Früh wiederzufinden.
Als wir einige Meter gefahren waren, tauchte sie mit ihrem dunkelblonden Schopf neben mir auf und meinte überglücklich: „Das Fahrrad fährt sich jetzt viel , viel besser....Danke!“
Auf meinem bösen Blick hin schimpfte sie: „Der Wachtmeister kann mich gerne haben... jetzt fahre ich neben dir... da kannst du machen was du willst!“
Inzwischen waren wir an dem Gehöft angekommen, an dem ich wegen der Dunkelheit gestern den Wachtmeister direkt in die Arme geraten war. Ein Entrinnen war chancenlos. Auf dem Platz vor dem großen und breiten Haupttor parkten zwei Lkw der ehemaligen Wehrmacht und oh Gott!, das Motorrad des Wachtmeisters! Mehrere Polizisten waren damit beschäftigt, Planen über die Ladefläche der Lkws zu spannen.
Zu unserem Glück unterhielt sich der Wachtmeister gerade mit neugierigen Passanten und Kindern, welche die Lkws regelrecht eingekesselt hatten. Die höherliegenden Fenster der angrenzenden Gebäude waren wieder bis auf den letzten Platz besetzt. Solch ein Schauspiel, welcher Art auch immer, konnte man sich ja nicht entgehen lassen.
Ilona hatte mit ihren Luchsaugen die Situation sofort erfasst und rief: „Schau dir das an, hier ist ja immer noch etwas los... wie auf dem Jahrmarkt!“
Da ich nicht die geringste Sehnsucht nach der Staatsmacht verspürte, trieb ich Ilona an: „Komm!... Komm!...Schnell weg von hier!....Die Kloßkuchen lauern auf uns!“

Teil 50 folgt
(im August)





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"Du mußt....
Leiden oder triumphieren,
Amboß oder Hammer sein."

(Johann Wolfgang von Goethe)
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Alt 21.08.2012, 19:16   #273
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Hallo Literaturfreunde,
ich war lange unterwegs! Die neue Geschichte
erscheint diese Woche noch!
Gruß Aggy
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Alt 24.08.2012, 16:59   #274
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Kindheitserinnerungen...das neue Leben

Teil 50


„Fahre bitte etwas langsamer.... du fängst schon wieder an zu rasen, als ob der Wachtmeister hinter dir her ist..... mir geht es nämlich gar nicht gut“, klagte Ilona. Wie waren an der Stelle angelangt, an der ich gewöhnlich Anlauf nahm, um die nächste Steigung leichter zu nehmen. Als ich versuchte ihr das zu erklären, meinte sie, dass der Liebe Gott mir meine Ausreden erhalten möge!“
Um sie nicht noch mehr zu verärgern, sie hatte ja heute schon einiges durchgemacht, stieg ich vor der letzen Steigung, die direkt in unsere Straße führte, vom Rad. „So“, sagte ich, „das letzte Stück schieben wir.“
„Welch eine Gnade“, meinte sie, als sie neben mir auftauchte. „Du musst dich daran gewöhnen, wenn wir beide unterwegs sind, können wir uns ganz normal bewegen...Wir müssen ja nicht wegen irgendeiner Dummheit flüchten!...Bei Horst und dir ist das natürlich etwas anderes, ihr habt doch nur Unsinn im Kopf, was du mir eben wieder bewiesen hast.“
„Aha“, dachte ich, „heute ist wieder einmal der Tag der Wahrheit“.
Leicht lächelnd fuhr sie fort: „Ihr konntet euch ja auch eine andere Wohnung aussuchen, musstet ihr unbedingt an das andere Ende des Dorfes ziehen, so weit weg von uns!“
„Stell dir vor“, sagte ich zu ihr, „wenn du an Stelle Ursulas hier wohnen würdest, nicht auszudenken, was da alles passieren könnte.“ Kaum hatte ich das ausgesprochen, durchzuckte es mich. Mein Gott! Ursula gerade jetzt zu erwähnen, in dieser Situation, nach alldem was passiert war? Ich hatte Glück, großes Glück. Ilona meinte nur, dass ich ein großer Pechvogel sei, erst die Schwierigkeiten mit Klein-Erna und jetzt mit ihr. Da wir gerade in unsere Straße einbogen und Ilona meine Mama entdeckte, hatte sich diese heikle Situation bereinigt.
Ilona rief leise: „Schau wer da oben steht und mit dem Kochlöffel auf dich wartet?“ Mein unruhiges Gefühl hatte mich nicht in Stich gelassen. Meine Mutter stand mit verschränkten Armen vor der Hoftür und hatte sich bestimmt schon eine Standpauke bereit gelegt. Ihr Söhnchen hatte wieder einmal den Tagesablauf durcheinander gebracht.
Als sie Ilona gewahr wurde, änderte sich sofort ihre Miene und Laune von todernst zu heiter und freundlich! Welch ein Glück für mich. Nun war ich wieder Nebensache!
„Das trifft sich gut“, meinte mein liebe Mama zu Ilona, „ich habe gerade Kartoffeln geschält, bei uns gibt es nämlich heute Kloßkuchen.... du bist herzlich eingeladen!“
Als die Begrüßungszeremonie vorbei war und ich zum wiederholten Male feststellen konnte, dass mich der Klapperstorch bestimmt vertauscht haben musste, weil er kein Mädchen sondern einen Jungen gebracht hatte, bemerkte meine liebe Mama meine schmutzigen und verschmierten Hände. „Wie siehst du denn aus?“, meinte sie barsch zu mir.
Nun hatte Ilona endlich Zeit und konnte bis in alle Einzelheiten Bericht erstatten, während ich mich unter der Wasserpumpe endlich frisch machen und laben konnte.
In der Küche herrschte indessen Hochbetrieb. Durch das Gaschenfenster drangen die typischen Geräusche einer Betriebsküche, unterlegt mit zwei schnatternden Frauen! Als ich die Wohnung betrat, galt mein erster Blick der Wasserbank. Wie immer: Der Eimer mit Trinkwasser fast leer, dafür der andere mit Schmutzwasser bis zum Überlaufen voll. Da ich kaum bemerkt wurde, konnte ich ohne einen Kommentar meiner Mama einen wichtigen Punkt meiner häuslichen Pflichten schnell erledigen. Anschließend schaute ich noch einmal zu den Kaninchen und konnte feststellen, dass die beiden für Weinachten vorgesehenen gut im Futter standen. Eins davon war ja bekanntlich für Ilona bestimmt. Sie ahnte es natürlich nicht.
Plötzlich sprang mich jemand von hinten an und eine Stimme flüsterte: „Die Kartoffelpuffer sind fertig!“ Bei dieser Gelegenheit wurde natürlich die längst fällige Begrüßung nachgeholt. „Mmh“, sagte ich zu Ilona, „du riechst aber gut“, sie strahlte und meinte, dass ich ihr Parfüm doch langsam kennen müsse. Als ich ihr erklärte, das sie nicht nach Tosca sondern nach Kloßkuchen, rieche, gab es wieder die übliche, aber äußerst friedliche Rauferei, die unter Verliebten so üblich ist.
Als wir anschließend unsere Kloßkuchen verdrückt hatten, frei nach Wilhelm Busch: „Und von dem ganzen Hühnerschmaus guckt nur noch ein Bein heraus“, erhob ich mich schwerfällig und träge vom Tisch. Um meiner lieben Mama den Wind aus den Segeln zu nehmen, sagte ich zu Ilona: „Auf geht’s, wir müssen heute noch Karnickelfutter suchen!“ Sofort erhellten sich die Mienen, die meiner Mama und auch Ilona strahlte übers ganze Gesicht!
Wir zogen ohne Räder los. Ilona fragte neugierig, wohin ich überhaupt wolle. Es würde auch in unserer Ecke Karnickelfutter geben, erklärte ich ihr. „Erinnere dich“, sagte ich, „als ich Ottomar das Radfahren beigebracht hatte, habe ich eine Strecke ausgesucht, die etwas abseits lag, da er Angst hatte gesehen zu werden. Er schämte sich, weil er der einzige aus der Klasse war und es noch nicht beherrschte.“
Ilona schaute mich groß an, lächelte und fragte: „Und dort gibt es auch Karnickelfutter?“ „Jede Menge!“, sagte ich, indem ich zurücklächelte.
Nicht weit vom Ortsausgang fangen die Obstplantagen an. Es ist genau die Strecke, auf der wir nach Seeburg gefahren sind. Der Korb war im Nu voll, voller saftiger Hundeblumen (Löwenzahn). Natürlich haben wir auch das schöne Wetter genutzt und uns eine Weile gesonnt. Wir waren gerade im Begriff zu gehen, all zu weit weg vom Ort waren wir sowieso nicht, als mächtiger Lärm und sich eine ziemlich große Staubwolke ankündigte. Nein, es war nicht der Wachtmeister mit seinem Ungetüm von Motorrad.
Erst tauchte ein kleiner Militärjeep als Führungsfahrzeug auf, in gleichmäßigen Abständen folgten mehrere große Transportfahrzeuge mit angehängten schweren Haubitzen. An uns zog eine motorisierte Haubitz-Batterie der Sowjet-Armee vorbei. Ihr Standort war ja nicht weit weg. Die haben auf irgendeinen Stoppelacker bestimmt Geschütztraining durchgeführt, ging mir durch den Sinn.
„Mein Gott“ schimpfte Ilona, „müssen die gerade jetzt kommen und wie die alle aussehen“. Die Besatzungen auf den offenen Fahrzeugen waren total in Staub gehüllt. „Das ist nun mal so im Sommer“, erklärte ich sie auf, „hast du denn die komischrunden Gesichter unter den Stahlhelmen nicht bemerkt“, meinte sie darauf hin. Jetzt wusste ich, was sie meinte. „Das sind Mongolen“, erwiderte ich, „die sehen nun mal so aus.“ Dass Klein-Erna sich damals schon über die „komisch aussehenden Russen“ amüsiert hatte, behielt ich jetzt lieber für mich.
Wir beide hatten jetzt ein ganz anderes Problem. Offensichtlich standen wir genau auf der Seite, nach der sich die Staubwolke verzog! Zwischen den Fahrzeugen konnten wir aber nicht durchlaufen, um die Seite zu wechseln, das wäre zu gefährlich gewesen. In letzter Zeit hatte es einige Unfälle mit Besatzerfahrzeugen gegeben. Der große Bruder eines Klassenkameraden war mit dem Motorrad zu Arbeit unterwegs, wurde von einem Militärfahrzeug angefahren und lag einige Zeit im Krankenhaus.
Hustend und nach frischer Luft schnappend klopften wir uns gegenseitig den Staub aus den Sachen. Ilona sah jetzt bezaubernd aus, vor allem ihr Haar. Es war jetzt es semmel- und nicht mehr dunkelblond!
Als meine Mutter uns so erblickte, konnte sie es kaum fassen. „Das nennst du Futter suchen“, schimpfte sie vor Schreck, „das kann doch wohl nicht wahr sein....unglaublich!“
„ So“, schimpfte sie weiter mit mir, „du scherst dich unter die Pumpe und kommst erst rein, wenn du gerufen wirst.... Ilona bleibt bei mir in der Küche, vorher holst du aber einen zweiten Eimer mit frischem Wasser!“
Während Ilona in der Küche einer Spezialbehandlung unterworfen wurde, stand ich nur mit der Badehose bekleidet vor der Pumpe und wusch mich ordentlich.
Mein ganzer Plan war durch den Zwischenfall gefährdet. Da es Ilona schon den ganzen Tag nicht besonders gut ging, wie sie meinte, wollte sie schnell nach Hause und ich hatte mir vorgenommen unbedingt Horst zu suchen. Bevor uns und der Wachtmeister in die Zange nahm, mussten wir uns eine ordentliche Ausrede ausdenken. Insgeheim hoffte ich ja, dass er durch die Ereignisse so unter Stress steht und uns dabei vergisst. So ganz sicher war ich mir aber nicht. Der Wachtmeister und etwas vergessen, eher läuft die Laweke rückwärts.
Endlich war alles überstanden. Meine Mutter hatte sich beruhigt, nervte mich nicht mehr und Ilona war wieder einigermaßen salonfähig.
Wir beide waren bereits an der Stelle vorbeigefahren, die den ganzen Ort in Aufruhr versetzt hatte. Nichts war mehr zu sehen, keine Fahrzeuge, kein Motorrad und kein Wachtmeister! Alles war wieder ruhig und friedlich.
Nachdem ich Ilona bei ihrer Mutti abgegeben hatte, Abschied natürlich wie immer, war Indianerspürsinn gefragt. Wo ist Horst und wo ist der Wachtmeister? Stand sein Motorrad nicht im Hof oder nicht vor der Tür war die Luft rein! Langsam fuhr ich erst einmal an der Dienstwohnung vorbei, nichts war zu hören, nichts Außergewöhnliches zu sehen.. Das Fenster vom Dienstzimmer war geschlossen. Kurzentschlossen fuhr ich zurück, stellte das Fahrrad ab und schlich mich in den Hof. Auch dort stand das Motorrad nicht. Erleichtert atmete ich erst ein mal kräftig durch. Horsts Mutter erschien! „Nanu“, staunte sie, „Horst wollte doch zu dir...habt ihr euch etwa verpasst?“
„Schon möglich... schon möglich“, stammelte ich, „einen schönen Tag noch!“, schwang mich aufs Rad und trat die Pedalen kräftig durch.
Langsam klärte sich die Lage. Schnurstracks fuhr ich zu unseren geheimen Treff, zur alten Sandgrube, wo sollte er sonst sein um diese Zeit. Als ich mich durch die Büsche geschlagen hatte, mit dem Rad war das ziemlich schwierig, war das Erste was ich entdeckte - eine Qualmwolke! Darunter aalten sich meine zwei Experten und ließen sich die Sonne auf ihre Pelze brennen.
Margit entdeckte mich zuerst. Horst drückte schnell und verlegen seine Zigarette aus. Er hatte mir ja versprochen nicht mehr zu rauchen. Was ich aber noch zur Kenntnis nahm, zog mir bald den Boden unter den Füßen weg - eine leere Schnapsflasche! Da die beiden sich aber noch ganz normal benahmen, konnten es nur ein Rest sein, den sie getrunken hatten.
Obwohl Nahrungsmittel immer noch knapp waren, sich schwarz gebrannten Kartoffel-, Rüben- oder Getreideschnaps zu besorgen, war kein Problem. Bei unseren geschäftstüchtigen Drogeristen konnte man ganz offiziell kleine Aromafläschchen mit allerlei Geschmacksrichtungen kaufen. Das halbe Dorf panschte sich daraus, zusammen mit dem illegalen Schnaps, Likör. Jeder war stolz auf „seine Marke“ und schwörte darauf. Im ersten Moment schmeckte das Gesöff wunderbar, die sich daran anschließenden Kopfschmerzen waren kaum zum Aushalten.
Erschrocken und sprachlos schaute mich Horst an. Kein Wunder, er fühlte sich ertappt und ahnte die Folgen. Durch Blickkontakt ließ ich ihn erst einmal spüren, was ich von seinem Benehmen hielt! Echte Freunde regeln Probleme unter sich.
Das Traurig ist, Horst Vater ist als Polizist Tag und Nacht unterwegs und kann sich deshalb kaum um die Erziehung seines Sohnes kümmern! Erziehungsprobleme gab es in vielen Familien zur damaligen Zeit. Horsts Vater stand aber in der Öffentlichkeit mehr als andere. Diese Tatsache sollte sein Sohn respektieren. Oft genug hieß es im schrecklichen Deutsch: „In Wachtmeister Seiner war aber och dabei!“ Oft traf dies Bemerkung zu, manchmal aber auch nicht.
Die Witze die damals gerissen wurden, sollten dazu beitragen die neue Macht zu brüskieren. Über die Neulehrer hieß es, so könnten mir und mich nicht unterscheiden. Über die Polizei hieß es, sie könne meine und deine nicht unterscheiden. Darüber lässt sich streiten. Was aber bei allen „Staatsdienern“ wirklich zutraf: Sie waren keine Nazis!
„Hallo“, meinte Margit, „lebt ihr noch?.. Schaute sich nach Ilona um. „Wo hast du denn dein Herzblatt gelassen?“
„Ilona geht es heute nicht besonders, die ist zu Hause“, erklärte ich ihr. Sie unterbrach mich, eine ihre Stärken, sie quatschte stets dazwischen, „die soll sich nicht so haben!“, meinte sie teilnahmslos.
Nun hatte ich endlich Gelegenheit und konnte mit Horst reden, erklärte ihm was ich durchgemacht hatte und wollte natürlich aus erste Hand wissen was im Dorf passiert sei.
„Hör auf“, meinte er, „langsam tut mir mein Vater Leid, der wird laufend von seinen vielen Vorgesetzten zusammengehauen, weil soviel passiert in diesem Kaff!...Außerdem ist er ja noch für vier andere Dörfer verantwortlich! Gerade hatte er zwei Neue eingearbeitet, die müssen wieder entlassen werden!“
„Wieso das?“, fragte ich neugierig, „Stell dir vor“, meinte er „von ganz oben ist festgelegt worden, dass alle Polizisten, die in westalliierte Gefangenschaft geraten waren, für den Polizeidienst in der Ostzone und Ostberlin nicht zugelassen werden oder wieder zu entlassen sind!...Mein Vater meinte, dass gäbe ein einziges Chaos auf diesem Gebiet!“
„Chaos oder nicht“, sagte ich, „mich interessiert was gestern im Dorf los war...dein Vater war wieder einmal Spitze ! Du kannst von Glück reden, dass er dich nicht erwischt hat!“
Margit grinste und meinte, dass er soweit gar nicht gucken konnte! Nun war mir alles klar.
Horst überhörte Margits Äußerung großzügig und meinte, „dass alles ganz harmlos angefangen habe, irgendjemand hatte einen Wohnungseinbruch gemeldet. Bei einer Rentnerin und Witwe fehlten angeblich Goldschmuck, Goldmünzen, eine wertvolle Münzsammlung sowie einige goldene Uhren. Sie habe das alles über den Krieg hinweg gerettet und nun war es gestohlen worden!
Margit hing sich natürlich mit rein und meinte, dass sie die alte Frau kenne, ihr Mann sei bei der Wehrmacht ein hohes Tier gewesen, aber gleich am Anfang des Krieges gefallen sei.“
Horst erklärte weiter, wenn es um Gold oder anderes Edelmetall ginge, müsse nach der Meldeordnung die vorgesetzten Dienstelle informiert werden.
Letzten Endes hat ein Suchtrupp mit Spürhund, nicht nur den Täter ermittelt, sondern gleichzeitig auf einem nahegelegenen Erbhof, der nicht mehr in Betrieb war, ein illegales Lager mit gehorteten Waren für den Schwarzmarkt entdeckt. Soviel, dass zwei Lkws zum Transport notwendig waren!
Wer einigermaßen die Strukturen dieser Macht kennt, kann sich vorstellen, was das für einen kleinen Dorfpolizisten bedeutet. In seinem Verantwortungsbereich ein illegales Lager! Welch eine Schande! An erster Stelle steht dann großes Misstrauen der vorgesetzten Dienstelle und an zweiter wird Interessenlosigkeit unterstellt! Die wahren Ursachen könnten ja eventuell Fehler der Vorgesetzten aufdecken. Leider war das oft so! Horsts Vater hatte aber noch einmal Glück.
Horst erklärte ich noch einmal eindeutig, dass sein Vater mich gefragt habe, wo sein Söhnchen sich herumtreibe und ich geantwortet hatte, dass ich das nicht wüste.
„Denke daran“, sagte ich deshalb zu ihm, „du musst dir eine wasserdichte Ausrede einfallen lassen!“.... „Mein Gott“, fiel mir Margit ins Wort, „dass kann doch nicht allzu schwer sein!.. Übrigens, wir sind morgen wieder hier, ihr kommt doch bestimmt auch....oder?“
„Selbstverständlich, Ilona freut sich schon darauf!“, erwiderte ich.
„So“, sagte ich zu den beiden, „und jetzt verschwinde ich!“ Nachdem ich noch kurz die Panne mit den „Freunden“ erwähnte, was die beiden übrigens sehr lustig fanden, verabschiedete ich mich, schwang mich aufs Rad und raste davon.


Teil 51 folgt
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"Du mußt....
Leiden oder triumphieren,
Amboß oder Hammer sein."

(Johann Wolfgang von Goethe)
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Alt 07.09.2012, 02:24   #275
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Hallo Aggy,
auch ich war ein paar Wochen lang unterwegs.

Schön, dass ich nun gleich wieder etwas von Dir zum Lesen vorfinde.
Viele freundliche Grüße -
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Insu
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Alt 30.09.2012, 16:15   #276
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Kindheitserinnerungen, das neue Leben

Teil 51

Als ich zu Hause ankam, wurde ich erst einmal von meiner lieben Mama geschockt. Sie fing sehr geheimnisvoll an und klärte mir, dass wir heute hohen Besuch gehabt hätten. „Mama, spanne mich bitte nicht auf die Folter, ich bin hundemüde!“, reagierte ich ärgerlich.
Halb im Tran nahm ich zur Kenntnis, dass der Herr Pfarrer mit Ursulas Mutti über den Ablauf der Beerdigung gesprochen hatte. Anschließend habe er bei uns in der Tür gestanden und gemeint, dass ich an diesem Tage das Kreuz tragen solle.
Schlagartig war ich munter: „Mama“, sagte ich etwas leiser zu ihr, damit das Gespräch über uns nicht zu hören war „das kann gar nicht sein....ich war erst dran, weißt du denn das nicht mehr!“ Nun zählte ich ihr auf , wer alles noch vor mir in Frage käme. „Der Herr Pfarrer hat doch im Konfirmandenunterricht die Reihenfolge festgelegt!“ verteidigte ich mich.
Es half nichts, ich musste es einsehen, schließlich war das ja auch ein Akt der Pietät, der Herr Pfarrer wird sich das schon gut überlegt haben und versuchte mich zu beruhigen.
Zu Ursulas Vati und mir hatte sich in der letzten Zeit ein gutes Verhältnis entwickelt. Meistens saß er im Hof auf der Bank. Wenn ich dann von des Tages „Müh und Last“ erschöpft eintrudelte, hatte er mich stets in ein Gespräch verwickelt. Und ich habe diese Gelegenheit genutzt und ihn ausgefragt, über den Krieg und über seine Gefangenschaft.
Alles was er mir über den Krieg erzählte, passte gar nicht so recht in das Nazi-Schema, logisch! Inzwischen hatte ich ja auch einiges begriffen!
Bevor er in der Kriegsgefangenschaft erkrankte und in ein Lazarett verlegt wurde, befand er sich in einem Arbeitslager. Er zeigte auf eine ungefähr fünf Zentimeter lange Narbe auf der Stirn und erzählte mir darüber. „Eine nette Begebenheit“, meinte er verbittert!
„Wenn wir nach zehn Stunden schwerer Arbeit, das hieß: Trümmer beseitigen, Straßen ausbessern, Häuser instandsetzen, sogar neu bauen, uns in langen Kolonnen qualvoll ins Lager schleppten, wurden wir in der ersten Zeit vom Straßenrand aus durch Jugendliche mit Steinen beworfen. Ältere Menschen drohten mit den Fäusten oder versuchten uns anzuspucken. Diese Reaktionen der Bevölkerung waren nicht gerade erfreulich für uns. Wir waren immer froh, wenn wir diese Art der Spießrutenläufe hinter uns hatten und unverletzt im Lager angekommen sind. Damit diese Situation nicht noch mehr ausartete, wurde die Anzahl der Wachposten verstärkt. Normalerweise sollten sie Fluchtversuche verhindern.
Wir dachten überhaupt nicht daran, weit wären wir in diesem Zustand sowieso nicht gekommen. Entweder wären wir verhungert, erfroren oder erschlagen worden.
Die Aufgabe der Wachtposten hatte sich geändert, jetzt mussten sie uns beschützen. Es hat oft geknallt, während dieser Zeit. Die Wachtposten haben natürlich nur in die Luft geschossen. Von da an sind wir aber sicher und unverletzt im Lager angekommen!“
Er sah mich an, bemerkte mein erschrockenes Gesicht und meinte: „Ja-Ja mein Junge, das gehört auch dazu!... Ich will nur hoffen, dass in Zukunft niemand mehr in einen Krieg ziehen muss, Kinder als Halbwaisen aufwachsen und dabei total verzogen werden“... Welche weisen Worte! Der letzte Teil seiner Bemerkung war das Eingeständnis seiner Verbitterung über die Zustände in seine eigene Familie.
Als er mir von den Zuständen im Lazarett erzählte, hellte sich sein Gesicht etwas auf und er meinte, dass das russische Pflegpersonal, meistens seien es Frauen gewesen, sie aber den Umständen entsprechend, sehr gut behandelt hätten! „Oft haben sie uns heimlich eine Extra-Portion Brot zugesteckt, obwohl sie selbst wenig hatten“, meinte er.
In einer anderen Unterhaltung sprach ich das Schicksal Klein-Ernas an und dass sie ewig auf einen Brief ihres Vatis gewartet habe.
Die meisten Menschen könnten sich die Zustände, die in den russischen Kriegsgefangenlagern herrschten, überhaupt nicht vorstellen, meint er darauf hin.
„Überleg doch mal“, meinte er, „das ganze Land ist völlig zerstört, Tausende müssen ernährt werden. Entweder gab es Hirsebrei oder irgendeine Kohlsuppe. Von vitaminreicher Nahrung konnte gar keine Rede sein! Wer im Lager krank wurde, war gnadenlos verloren. Fast täglich sind Menschen an Hunger und an der Ruhr gestorben....
Wir sind ja schon völlig ausgelaugt und halbverhungert in Gefangenschaft geraten ...davon will heute niemand etwas wissen und sollten bis zur letzten Patrone kämpfen, die längst verschossen war...
Wenn Paulus nicht gewesen wäre, hätten noch mehr von uns ins Gras gebissen (Paulus hatte sich als Befehlshaber der 6. faschistischen Armee angesichts der drohenden totalen militärischen Niederlage mit den kläglichen Resten seiner Armee freiwillig in Gefangenschaft begeben)!“
„Ich kann mich noch gut erinnern“ entgegnete ich, „wir mussten damals Hals über Kopf in die unbeheizte Turnhalle einrücken, obwohl es ziemlich kalt war an diesem Tage. Der Herr Schuldirektor redete wieder einmal vom Führer und vom Endsieg und meinte der Paulus habe uns alle in Stich gelassen, sei deshalb ein Volksverräter und gehöre an den Galgen!“
Ursulas Vati wurde wütend und meinte, dass wir diesen Schwachsinn natürlich geglaubt hätten. Mir blieb nur ein stilles Nicken übrig.
Und nun ist dieser Mann einsam und verbittert gestorben. Sein Schicksal war besiegelt, er musste sich nicht mehr quälen. Welch ein Trost!
Und ich war wieder einmal gefordert! Es hieß der Tag der Beerdigung stünde noch nicht fest, da der Leichnam noch nicht freigegeben sei. Diese Ungewissheit hing nun ständig wie ein Damoklesschwert über mir. Es konnte ja nichts organisiert werden.
Nach der Aufregung dieses Tages und nach vielen Grübeln hatte mich der Schlaf doch noch übermannt.
Früh, mit dem ersten Hahnenschrei war ich trotzdem munter. Mein erster klarer Gedanke galt natürlich Ilona. Hoffentlich fühlt sie sich heute besser. Als alle notwendigen Hausarbeiten erledigt waren, gefrühstückt wurde nebenbei, melde ich mich ab.
„Mama“ , sagte ich. „ich muss unbedingt zu Ilona, ihr ging es doch gestern gar nicht gut.“ Meine Mama lächelte und meinte: „Fahre nur!“ Sie hob ihren rechten Zeigefinger, drohte, „sei aber bitte pünktlich zum Mittagbrot zurück!“
Schon von weitem bemerkte ich die Schlange vor dem Konsum. Es war ja nichts Neues und gehörte schon zum Alltag. Der Herr Wachtmeister hatte es tatsächlich in einer ziemlich kurzen Zeit geschafft, ein gewisses Maß an Disziplin und Ordnung einzuführen. In Doppelreihe angetreten, ohne Anweisung durch die Staatsmacht, die war weit und breit nicht zu sehen, Gott sei Dank!, wartete man geduldig bis man an der Reihe war. Mittendrin winkte jemand fleißig – Ilona! Ich atmete auf. Es ging ihr also wieder besser.
Nachdem ich am Ende der Schlange die Worte Butter, Mehl und Zucker vernommen hatte, winkte ich kurz Ilona zu, kehrte um und raste nach Hause.
Irgendwelche Späher, die ständig auf der Lauer lagen, hatten das Konsumauto auf der Hauptstraße entdeckt und das ganze Dorf alarmiert. Das war einige Zeitlang die Organisationsform der Ernährung auf dem Lande, ich betone, auf dem Lande! Heute würde man sagen, sie funktionierte wie ein Zufallsgenerator! In der Stadt war die Versorgung der Bevölkerung perfekter organisiert, da hätte man sich da nicht erlauben können.
Fast ohne Puste zu Hause wieder angekommen, meinte meine Mama erschrocken: „Nanu, schon zurück... ist etwas passiert?“
Nachdem ich laut „Konsum!“ gerufen hatte, flog mir sofort die in ständiger Bereitschaft liegende große Tasche mit den Lebensmittekarten und dem Portemonnaie zu.
Als ich zurück kam, war die Schlange tatsächlich kleiner geworden, Ilona lauerte bereits auf mich und jammerte: „Hilf mir bitte, die Tasche ist viel zu schwer für mich?“ Das kam wirklich selten vor, das eine Tasche mit Lebensmitteln so schwer war zur damaligen Zeit. Auch ich hatte noch alles bekommen, was an diesem Tage für die Bevölkerung „bereit gestellt“ wurde.
An jede Lenkerseite eine Tasche, zogen wir in Richtung Siedlung los. Zu Fuß natürlich. „Sag mal“, fragte ich Ilona, „wieso hast eigentlich dein Fahrrad nicht genommen... ist es etwa schon wieder kaputt?“ Was ich mir gar nicht vorstellen konnte, da ich es ja erst überprüft und repariert hatte.
Sie näherte sich etwas, schaute mich verschmitzt an und meinte, dass sie bereits auf mich gewartet und ständig mit mir gerechnet habe. Die Nachbarin sei schwer bepackt aus dem Dorf zurückgekommen und hätte sie informiert. „Ich habe so auf dich gelauert!“, meinte sie verdrossen und versuchte geschickt meiner Frage auszuweichen.
Sie drückte sich etwas an mich, so dass ich Not hatte, die Gewalt über das Fahrrad nicht zu verlieren, mit den beiden schweren Taschen am Lenker ließ es sich schlecht laufen, und meinte: „Siehst du, jetzt habe ich sogar etwas von dir...jetzt kann ich dich kratzen und beißen, dir sogar ein Knutschfleck verpassen, und du kannst dich noch nicht einmal wehren, du darfst ja das Fahrrad nicht fallen lassen!“ Oh, mein Gott, dachte ich dabei, wie sie wieder angibt!
Langsam kam in mir das Gefühl auf, dass wieder ein großer Teil Berechnung mit im Spiel war. Sie plapperte unverdrossen weiter: „Wenn ich an gestern denke, an die blöden Russen, das war ja ein einziger Reinfall!“ Jetzt sprach sie schon wieder wie damals Klein-Erna. Sie ähnelt ihr immer mehr, musste ich feststellen! „Wir haben uns gar nicht richtig verabschieden können“, meinte sie vorwurfsvoll! Dabei hatte ich mit die größte Mühe gegeben. Undank ist nun mal der Welten Lohn!
Als ich ihr von dem Einfall des Herrn Pfarrers erzählte, meinte sie, dass dies eine traurige Angelegenheit sei. „Du hast ja schon ein paar mal das Kreuz zu Beerdigung getragen, du kennst dich ja am besten damit aus... Nur gut, dass wir Mädchen dafür nicht in Frage kommen.... Für mich wäre das Kreuz an der langen Stange sowieso viel zu schwer!“
Um das Thema zu wechseln, erinnerte ich sie daran, dass wir uns nach dem Mittagessen mit Horst und Margit in der Kiesgrube zum Sonnen treffen wollten.
„Da sind wir endlich wieder einmal unter uns und werden nicht so angekafft, manchmal finde ich das wirklich schrecklich“, meinte sie ärgerlich.
„Mir macht das nichts aus, meinetwegen können die anderen gucken, wohin sie wollen“, versicherte ich Ilona. „Außerdem haben die ganz andere Probleme, wir dagegen, sind da noch harmlos!“
„Ich freue mich jedenfalls auf heute Nachmittag“, fuhr Ilona fort, „da können wir wieder so schön und ungestört neben einander liegen und uns sonnen, wie beim Großvater im Garten, weißt du noch, als wir in den Himmel geschaut und das Habichtpärchen über uns beobachtet haben ?...Am Süßen See haben wir uns ja auch gesonnt...hat es dir überhaupt gefallen?“
„Gewiss“, erwiderte ich, „vor allem beim Großvater im Garten!.. Du lagst total zugeknöpft neben mir, weil du deinen Badeanzug vergessen hattest!“
„Jetzt kann ich es dir ja sagen“, meinte sie verlegen, „ich hatte ihn nicht vergessen, ich habe ihn absichtlich nicht mitgenommen, was hätte denn der Großvater von mir denken sollen“.
Sie ließ mich gar nicht erst zu Wort kommen und meinte, dass wir ja heute Nachmittag wieder allein seien und uns richtig sonnen könnten.
„Wir sind doch nicht allein, Margit und Horst kommen doch auch“, provozierte ich sie. Sie schaute mich groß an: „Ganz allein...wir zwei... in der von Gott verlassenen Kiesgrube?.. Das könnte dir so passen, mein Freund!“ Nach einer Weile schaute sie mich frech an und sagte schnippisch: „Du darfst mir höchstens den Rücken einkremen, mehr nicht!“
Als wir bei Ilona eintrafen, liefen wir natürlich, wie sollte es auch anders sein, der Katzenmutter direkt in die Arme.
„Da bist du ja endlich“, meinte sie zu Ilona, „deine Mutti lauert schon auf dich... Sie wollte dir schon entgegen gehen... wie ich aber sehe bist du in den besten Händen!“
Die stets nervende und neugierige Nachbarin sah erst auf die am Fahrrad hängenden schweren Beutel, dann auf mich und meinte nachdenklich: „Ja so ein Fahrrad ist sehr praktisch heutzutage, das könnte ich auch gebrauchen!“
Sofort regte sich mein Geschäftssinn! Ilona ahnte das und meinte, dass ich alles machen könne nur nicht für die Nachbarin ein Fahrrad zusammenbauen , da sie viel zu geizig sei und sich höchsten ein heuchlerisches Dankeschön abringen würde.
„Kümmere dich lieber um unsere Fahrräder, mein Schatz, das hast du genug zu tun!“, meinte sie vorwurfsvoll. Der Satz saß natürlich wieder.
Ilonas Mutti freute sich als sie uns mitbekam. Noch mehr als sie sah, was Ilona alles aus der Einkaufstasche zauberte.
Sie verschwand kurz mit der Buttere und Margarine in der Speisekammer. Da damals an elektrische Kühl- und Gefrierschränke noch nicht zu denken war, bestand die Wohnküche oft noch zusätzlich aus einem kleineren ofenlosen Zimmer, der Speisekammer. Die Temperatur war dort nicht ganz so hoch. Einige können sich vielleicht noch an diese Art der Wohnungen erinnern.
Da Ilona das Rundfunkprogramm des RIAS im Kopf hatte, war wieder flotte Tanzmusik eingestellt. Noch war der Sender nicht gesperrt für die Ostzone. Ein Jahr später gab er nur noch das unheimliche Rauschen des Urknalls von sich!
„Du kannst dich gleich darauf einrichten“, meinte Ilona im strengen Ton zu mir, „am Sonnabendnachmittag werden die Möbel wieder zusammengerückt und du darfst dein Tanzbein schwingen!....Du freust dich doch...oder?“
Und wie ich mich freue, dachte ich sofort! Laut gab ich zurück: „Aber nur wenn wir am Sonntag endlich zum Schwimmen fahren!“
„Du willst uns doch nicht etwa nach Seeburg lotsen mit deinem Schwimmen... das kannst du gleich vergessen“, polterte Ilona los.
In Seeburg hatte ich ja mitbekommen, dass sie schreckliche Angst vor tiefen Wasser hatte. Sie würde stets nach Ausreden suchen, um der Sache aus dem Weg zu gehen Das Problem musste demnach streng pädagogisch angegangen werden. Aber wie?
Wichtiger aber war, wo sich hier in der Nähe ein ordentliches Sommerbad befand. Der Drogerist, der ja mit seinem Holzvergaser überall herum kam, hatte mir einen heißen Tipp gegeben.
„Kein Problem“, meinte er, „ihr fahrt ins Heidebad, das liegt schön versteckt im Walde und liegt halb soweit entfernt wie Seeburg, aber in entgegengesetzter Richtung!“ Er kramte in einer Schublade und holte eine alte, schon strapazierte Wanderkarte hervor.
„Ihr müsst nur aufpassen, der Wald steckt jetzt voller Russen“, meinte er, „die sind alle in den früheren Wehrmachtskasernen untergebracht!.. In einer wurde ich bei Adolfen zum Flugzeugmonteur ausgebildet!“
Da er mein betrübtes Gesicht mitbekam, fügte er hinzu, dass normaler Weise nichts passieren könne, da überall Stacheldrahtzäune mit Warnschildern angebracht seien. „Aber das Bad“, meinte er, „das ist ganz große Klasse, sogar mit Sprungturm!“
Er zeigte auf der topografischen Karte auf einen breiten Sommerweg und erklärte: „Hier an der Kreuzung musst ihr nach rechts weg...Geradeaus kommen die Kasernen...Dort beginnt das Sperrgebiet. Vergiss das nicht!“
Er schaute mich ernst an und fragte, ob ich mich überhaupt mit topografischen Karten auskenne. Halb beleidigt erklärte ich ihm, dass ich schließlich Pimpf gewesen sei und den Umgang mit topografischen Karten gelernt und oft geübt hätte Er klopfte mir lachend auf die Schulter und meinte ich solle das lieber für mich behalten.
Hätte ich Ilona von diesem Gespräch erzählt, wäre aus der Fahrt sowieso nichts geworden. Seit dem staubigen Erlebnis war sie bedient von unseren „Freunden“ (Synonym für die Angehörigen der sowjetische Besatzungsmacht)!
Das kommende Wochenende war demnach organisiert, sonnabends Tanz und sonntags der Ausflug ins Heidebad!
Die Glocken der katholischen Kirche läuteten unüberhörbar die zwölfte Stunde des Tages ein. Zeit zum Aufbrechen. Mit dem Versprechen Ilona spätestens in einer Stunde wieder abzuholen, verabschiedete ich mich und fuhr frohgelaunt nach Hause.

Teil 52 folgt
__________________
"Du mußt....
Leiden oder triumphieren,
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Alt 02.11.2012, 07:19   #277
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Kindheitserinnerungen...das neue Leben

Teil 52

Auf der Fahrt nach Hause fiel mir wieder Horsts Unvernunft ein. Diese unsinnige Raucherei, wenn wenigstens Margit vernünftiger wäre und ihn davon abbringen würde. Ja, Margit, ein Brief mit „Sieben Siegeln“. Sie lebt in den Tag hinein und nimmt das Leben von der heiteren Seite. Zum Glück ist Ilona ganz anders.
Da Margit in den Nachbarorten einige Verwandte hat, ist sie auch unter den Jungs dort nicht unbekannt. Sie freut sich riesig, wenn die sich ihretwegen in die Haare geraten.
Das Leben auf dem Lande hat auch in dieser Beziehung seine Eigenheiten. Bekanntlich fehlt auf dem Dorf jegliche Anonymität. Jeder kennt jeden, nichts bleibt verborgen. Man steht ständig unter Beobachtung. Dazu kommt noch, dass auf dem Dorf aus der Mücke ein Elefant gemacht wird, wie es so schön heißt. Passiert etwas, wird es oft verdreht wiedergegeben. Mit oder ohne Absicht, wie es gerade passt.
Wenn man als Knabe im pubertierendem Alter in einem der Nachbardörfer auftaucht, wird man sofort misstrauisch betrachtet. In Windeseile schließen sich dann die Jünger zusammen, verteidigen ihre Reviere und vertreiben die Buhler unter dem Motto: „Wir treten unsere Hühner selber!“ Unter den Älteren kommt es dann zu den Tanzveranstaltungen oft aus den gleichen Gründen zu Prügeleien.
Hinzu kam noch und das traf nicht nur für das Land zu, dass Lebensgefahr im Verzuge war, wenn an den Wochenenden auf den Tanzveranstaltungen russische Soldaten erschienen. Oft waren sie über ihre Kasernenmauern gesprungen, um auch mal etwas zu erleben.
Der Wachtmeister war dann verpflichtet das „Rollkommando“ der sowjetischen Kommandantur zu verständigen. Diese Truppe hat dann gnadenlos aufgeräumt. Bärenstarke sibirische Kämpfer, jeder ein Kreuz wie ein Kleiderschrank, gingen dann wie Goliath dazwischen. Die Soldaten, nüchtern oder betrunken, wurden über die Planken der LKWs geworfen.
Laut aufkreischend versuchte die holde Weiblichkeit zu flüchten. Sie wusste was auf sie zukam Es half nichts, alles was einen Rock anhatte, wurde im Saal oder auf der Straße eingefangen, auf einen LKW verfrachtet und zur Untersuchung ins städtische Krankenhaus transportiert!
Wir jedenfalls, in unserem noch unschuldigem Alter, waren durch das Gesetz geschützt und hatten es unserem Wachtmeister zu verdanken, dass er das Gesetz über den Jugendschutz knallhart durchsetzte.
Mit Margit war es trotzdem nie langweilig. Sie sorgte ständig für neue Aufregung. Anstatt Horst zu unterstützen, ihn vom Rauchen abzuhalten, qualmte sie ihm bei jeder sich bietenden Gelegenheit etwas vor. Sie war stets bestrebt als „Dame von Welt“ zu gelten. Dazu bei trugen auch die Liebesschmöker und Arztromane, die fester Bestandteil der Westpakete waren (ein Jahr später wurden die Pakete durch die Post gefilzt und alles „Anstößige“ herausgenommen. Zigaretten und Bohnenkaffee wurden besonders gern herausgenommen, man kann auch geklaut dazu sagen. Damit das Ganze nicht klapperte, steckte man einfach Zeitungspapier in die Lücken).
Zum Glück sah das Ilona etwas anders, die Westromane verschlang sie zwar genauso, benahm sich aber nicht so überkandidelt. Obwohl sie mit Margit bereits vom Kindergarten an befreundet war, ärgerte sie sich oft über ihr Benehmen.
Wenn Ilona dann vor mir stand und schimpfte: „Du riechst schon wieder nach Zigarette... und so etwas nennt sich Sportler!“, hat sie mich ganz schön an meiner Ehre gepackt! Einmal habe ich sie überredet, doch auch mal einen Zug zu wagen. Mit ungeschicktem Griff erfasste sie die Zigarette und zog umständlich daran.
„Aber auf Lunge!“, stachelte ich sie damals an. Das arme Mädchen hat sich anschließend bald tot gehustet. Den sich daran anschließenden Nahkampf habe ich natürlich verloren.
Als ich endlich zu Hause ankam und neue Hiobsbotschaften erwartete, war ich froh, dass noch alles in bester Ordnung und meine liebe Mama noch äußerst zufrieden war mit mir.
Nach dem Mittagessen holte ich Ilona ab, gemeinsam fuhren wir zur Sandgrube. Auf alles war ich gefasst, mich konnte damals sowieso nichts mehr erschüttern, nur nicht auf die friedliche Atmosphäre, die hier jetzt herrschte. Brigitte und Rolf, unser Linksaußen, der meisterhafte Flanken schlug, die dann Horst gekonnt in Tore umsetzte, waren auch mit von der Party.
Horst und Rolf hatten einen Ball von der Firma Nivea beim Wickel, damals groß in Mode, und köpften ihn sich gegenseitig zu. Die holde Weiblichkeit lag in der Sonne und ließ sich braten. Kein Zigarettenqualm, keine Schnapsflasche, ein Bild voller Frieden und Behaglichkeit, ich fasste es nicht.
Ausgerechnet wir beide störten jetzt diese friedliche Idylle. Die Mädchen begrüßten sich so als hätten sie sich vor fünf Jahren das letzte Mal gesehen.
Brigitte war total begeistert von meiner Idee mit der Sandgrube und meinte zu mir: „Da muss erst ein Fremder kommen und uns zeigen was für eine schöne Gegend wir haben!“
Ilona gefiel das Wort Fremder nicht. Sie schlängelte sich um meinen rechten Arm und meinte, dass ich soo fremd doch gar nicht mehr sei.
Sofort kam Margits Kommentar: „Fremd nicht aber selten!“ Sie hatte Pech, ihr Beitrag blieb unbeantwortet.
Und ich wollte jetzt endlich einmal meine Ruhe haben. Als ich unsere Wehrmachtsdecke
ausgebreitet, bis auf die Badehose alles von mir geworfen hatte, ließ ich mich einfach fallen, streckte mich aus und ließ den Duft des frischen Grases auf mich wirken - endlich Ruhe!
Ilona hatte die Situation sofort erfasst, kniete über mir und rieb mir meinen Rücken mit Sonnenöl ein.
„Du merkst aber rein gar nichts“, meinte sie nach einer Weile vorwurfsvoll zu mir. Nachdem ich mich etwas zur Seite gedreht hatte, schauten mich aus einem Badeanzug zwei listige braune Augen an. Leider waren Bikinis noch nicht in Mode! Bevor Ilona richtig zur Besinnung kam, schnappte ich sie und drückte sie an mich.
Brigitte, die Bäckerstochter, hatten einen Napfkuchen und zwei große Thermosflaschen voll echten Kaffee mitgebracht, sodass die Verpflegung auch gesichert war. Horsts Vorschlag, die beiden einzuweihen, war demnach ein sehr guter Einfall gewesen!
Für mich bedeutete das natürlich wieder mehr Arbeit, da die beiden nun bei jeder Party dabei waren, ob auf Achse oder nicht, mussten natürlich auch ihre Fahrräder in Ordnung sein.
Als Brigitte und Rolf von unserem Sonntagsausflug hörten, waren sie sofort Feuer und Flamme.
Brigitte kam auf mich zu, umarmte mich kameradschaftlich und meinte: „Wunderbar, das ist ja wieder ein toller Vorschlag von dir... der Sonntag ist nämlich der einzige Tag an dem mir mein Herr Papa etwas Freizeit gönnt.,, ich muss doch ständig in der Backstube oder im Laden helfen, so lange wir noch keinen Gesellen haben.“
„Das fehlte noch“, sagte Margit zu ihr, „sag das ja nicht so laut... wenn das mein Vater hört, werde ich im Friseurladen auch noch eingespannt!“
Brigitte meinte daraufhin, dass dies aber bei ihr auch zum Vorteil sei.
„Stellt euch vor“, meinte sie grinsend, „mein Papa geht jeden Abend mit den Hühnern ins Bett!...Da er ja in aller Frühe, so gegen zwei Uhr aufsteht, ist er abends um sieben schon im Bett verschwunden!“
Margit konnte es nicht fassen. „Hast du das gehört“, meinte sie aufgebracht zu Horst. „so einen Vater könnte wir auch gebrauchen!“
Jetzt war wieder eine Vaterdiskussion im Gange, die ich Ilonas wegen wieder abwürgen musste.
Sie tat sich sowieso etwas schwer, wenn Brigitte anwesend war. Obwohl Ilona überhaupt keinen Grund dazu hatte, sah sie es trotzdem nicht gern, wenn Brigitte sich mit mir abgab. Von wegen mich umarmen! Zu den Unterrichtspausen tauchte sie auch oft in meiner unmittelbaren Nähe auf.
Sogar Ursula hatte mich schon gefragt, wer denn nun meine Freundin sei, Ilona oder Brigitte! Damals hatte ich Ursula bereits erklärt, dass Rolf einer meiner besten Freunde sei und deren Freundinnen für mich nicht infrage kämen.
Um Ilona zu beruhigen, wechselte ich sofort das Thema und informierte darüber, dass wir uns alle am Sonntag pünktlich halb zwölf bei ihr treffen, bis dahin sollte alle ihre Mütter überzeugen, das Mittagessen etwas früher fertig zu haben.
Ilona machte auf sich aufmerksam und meinte, dass aber am Sonnabend erst einmal getanzt würde, dabei lächelte sie und zwinkerte mir zu.
Aber auch dieser herrliche Tag verging. Die Mädchen unterhielten sich eifrig über ihr zukünftiges Konfirmationskleid, schwärmten von Seidenstrümpfen, Hackenschuhen und einer modernen Friseur, obwohl bis dahin noch genügend Zeit war.
Alle sprachen dabei von „drüben“. Rolf meinte, er habe nur eine ältere Tante in Westberlin, von der könne er nichts erwarten, die sei arm wie eine Kirchenmaus. Um das Gespräch ein bisschen aufzulockern, erwiderte ich, dass diese Maus aber eine evangelische sein müsse. „Schaut euch doch die beiden Kirchen an, unsere, die evangelische, fällt bald in sich zusammen, was man von der katholischen bestimmt nicht sagen kann!“
Horst entgegnete ärgerlich: „Seht ihr nun, was für arme Schwe... wir sind!...Hinzu kommt noch, dass wie Geld haben und uns trotzdem nichts kaufen können!“
Nun hängte sich Margit auch mit in das Gespräch und meinte: „Habt ihr schon wieder vergessen was uns der Pauker erzählt hat?...Die haben drüben den Marshallplan, bekommen von den USA alles was sie brauchen und wir in der Ostzone müssen für die Russen die Reparationenkosten bezahlen und das, was wir herstellen, geht zum größten Teil auch alles nach Russland!“
Da mir der Streit zu viel wurde und mir auf den Geist ging, schnappte ich mir den Ball und warf ihn in die Runde. Das ist nun mal Brauch, wenn drei Fußballer zusammenkommen und ein Ball in der Nähe ist, auch wenn es nur ein dünner Reklameball ist, wird sich natürlich damit auch beschäftigt.
Die Mädchen sahen sich das eine Weile geduldig an. Als es ihnen zuviel wurde, sprangen sie wie auf Kommando auf und versuchten uns den Ball weg zunehmen. Ein nettes sportliches Vergnügen. Auf diese Art und Weise halfen sie mit unser Trainingsprogramm zu erfüllen, ohne das sie es wollten!
Die Sonne war viel zu schnell verschwunden. Das kommt dabei heraus, wenn man sich eine Sandgrube zum Sonnen aussucht. Aber der kühle Schatten tat auch allen gut.
Nach und nach setzten wir uns ab, jedes Pärchen hatte schließlich noch etwas Wichtiges vor, sodass die wilden Kaninchen, bei Ilona waren das nach wie vor Hasen, Igel und Füchse wieder ihr Revier für sich hatten.
Als wir bei Ilonas Mutti nach einigen „Umwegen und technischen Rasten“ endlich eintrudelten, war es schon ziemlich spät geworden. Der Klöppel der katholischen Kirchenglocke schlug gerade neunmal zu. Die Sonne war im Begriff sich entgültig zu verabschieden.
Ilona lehnte sich an mich „schau mal“ ,meinte sie, „das Abendrot, sieht das nicht wunderbar aus... es lädt direkt zum Träumen ein!“
„Träumen, träumen“ entgegnete ich, „ich bin hundemüde, ich schlafe bald ein!“
Ilona entgegnete entrüstet, dass ich überhaupt nicht romantisch veranlagt sei und mir etwas Romantik nicht schaden würde.
„Wichtig ist“, sagte ich zu ihr, „dass das bis zum Sonntag so bleibt...Abendrot kündet nämlich schönes Wetter an... Das brauchen wir ja, wenn wir am Sonntag zum Baden fahren wollen!“
Nun war Ilona neugierig geworden: „Und Morgenrot und bedeutet demnach schlechtes Wetter...oder?“
Nachdem ich ihr darauf hin kriminalistischen Scharfblick unterstellte, erklärte sie mich zum diensthabenden Wetterfrosch!
„Und das hast du alles bei den Pimpfen gelernt“, provozierte sie mich weiter. „Nein“, entgegnete ich genervt, „von meinem Großvater!“
Da wir noch im toten Winkel des Hoftores standen zog ich sie zärtlich an mich und zeigte ihr was ich unter Romantik verstand.
In weiser Voraussicht hatte Ilonas Mutti für uns beide eine Nudelsuppe eingeplant. Da mir plötzlich meine liebe Mama mit dem Vorwurf erschien, ich solle Ilona nicht alles wegessen, wollte ich die Einladung höflicherweise ablehnen. Im gleichen Moment spürte ich aber einen derben, natürlich romantisch gemeinten Hieb zwischen meinen Rippen. Mir blieb nichts weiter übrig als dankend anzunehmen!
Urgemütlich saßen wir am Tisch und löffelten unsere Suppe aus, Ilona hatte wieder den RIAS eingestellt, Schlagermusik vom Feinsten drang an unser Ohr.
Der Mitteldeutsche Rundfunk strahlte zur gleichen Zeit bis zum Abwinken entweder Nachrichten, Blasmusik oder Opern- und Operettenmelodien aus. Wir in der Ostzone sollten auf diese Weise an das klassische Musikerbe herangeführt werden. Ob wir wollten oder nicht! Das war zwar gut gemeint, diese plumpe und aufdringliche Art verfehlte natürlich ihre Wirkung. Die Folge war, dass in der Ostzone zum Ärger der Parteiführung hauptsächlich westliche Sender gehört wurden.
Als Vorwarnung kratzte es heimtückisch im Radio, dann flackerte die Skalenbeleuchtung kurz, anschließend verstummte das Tanzstreichorchester - Stromsperre!
Erleichtert atmet ich auf, da ich stark befürchtet hatte von Ilona noch über das Parkett getrieben zu werden. Sie war bei guter Laune und deshalb zu allem fähig.
„So ein Pech“, sagte ich scheinheilig zu ihr, „ich wollte dich nach dem Essen zum Tanz auffordern!“
Überzeugend muss das nicht geklungen haben, selbst Ilonas Mutti konnte sich ein Lachen nicht verkneifen.
So ganz nebenbei fiel mir ein, noch nach Hause zu meiner lieben Mama fahren zu müssen. Durch die übliche Verabschiedung war es indessen dunkel geworden. Ilona hatte mir noch etwas hinterhergerufen, was ich aber nicht richtig verstanden hatte, deshalb winkte ich nur kurz zurück.
Der Mond zog bereits seine Bahn. Nur gut, dass der nicht abgeschaltet werden konnte. Äußerst freudig und zufrieden trat ich in die Pedalen. Der Tag war gelaufen. Da die Dorflampen sich noch in Lauerstellung befanden, war ich um so mehr auf meine Fahrradbeleuchtung angewiesen. Der Dynamo surrte und der Scheinwerfer wies mir den Weg. Sein Lichtkegel nahm fast die ganze Straßenbreite ein.
Unwillkürlich musste ich an die Zeit zurück denken, an der die Scheinwerferscheiben wegen ständiger Luftgefahr bis auf einem kleinen Spalt mit schwarzem Papier verklebt wurden und wir im Dunkeln mit Phosphor-Leuchtplaketten an der Oberbekleidung herumlaufen mussten.
Als ich an der Gaststätte vorbei fuhr, erinnerte mich der Lärm daran, dass heute Skat gespielt wurde – bei Kerzenschein, vermutlich hatte man wieder jemandem die Hosen ausgezogen.
Instinktmäßig schaute ich kurz nach hinten, um mich an dem roten Schein des Rücklichtes zu ergötzen. Pech gehabt! Es hatte sich mit den Dorflampen solidarisch erklärt und dachte überhaupt nicht daran zu leuchten! „Auch das noch!“, ging es mir durch den Kopf.
Jetzt erst konnte ich Ilonas Bemerkung einordnen, die sie mir beim Abschied hinterher gerufen hatte.

Teil 53 folgt
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"Du mußt....
Leiden oder triumphieren,
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aggy5604 ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 03.11.2012, 17:41   #278
Insulaire
 
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Hallo Aggy ,
gibt es Deine Erinnerungen eigentlich schon als Buch,
- oder hast Du vor, es drucken zu lassen?
LG -
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Alt 23.11.2012, 20:40   #279
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Zitat von Insulaire Beitrag anzeigen
Hallo Aggy ,
gibt es Deine Erinnerungen eigentlich schon als Buch,
- oder hast Du vor, es drucken zu lassen?
LG -
Hallo Insu,
vielen Dank für die Anfrage. Zur Zeit habe ich ein anderes Problem. Wie jedes Jahr im Herbst hat es mich natürlich wieder auf die Bretter genauen (grippeähnliche Erkältung!). Früher habe ich das einfach weggesteckt!Heutzutage ist es schon schwieriger.
So langsam sehe ich aber wieder Licht am Ende des Tunnels.
Zu meinen Erinnerungen: Meine Meinung hat sich nicht geändert. Ob es meine Memoiren betrifft oder meine Kurzgeschichten, all das habe ich nicht geschrieben, um es groß herauszubringen.Ich bin kein Schriftsteller, ich sage nur Syntax oder Füllwort! Allein schon die Interpunktionsregeln lassen mich oft verzweifeln beim Schreiben.
Der gesamte Text müsste auch anders verfasst werden! Meine Sturm- und Drangzeit ist längst vorbei.

Ich wünsche Dir ein angenehmes Wochenende und eine erkältungsfreie Zeit.
LG aggy
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Alt 25.11.2012, 20:03   #280
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Danke Aggy.
Vor allem aber weiterhin gute und schnelle Besserung.
Deine Einstellung zu einem Buch kann ich zwar - aus Deiner Sicht - verstehen,
aber Dein Schreibstil ist bei weitem besser, als der so mancher
Gern-Schriftsteller;
und vor allem auch nicht langweilig. Die Geschichte "fließt".
Ja, und ich bin nach wie vor froh, sie hier lesen zu dürfen.
Viele Grüße,
momentan aus München. Insu
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